Verteidigungspolitik : Ein Appell an Europas Wille und Fähigkeit zur Verteidigung
Die Sicherheitsexpertin Jana Puglierin geht der Frage nach, wie und ob sich die Europäer auch ohne die USA gegen Russland verteidigen können.
Vorbereitung auf den Ernstfall: Spezialkräfte der Bundeswehr sichern bei einer Übung im September 2025 die Beladung eines Transportschiffs ab.
Die Europäer sind in heller Aufregung: Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und den unverhohlenen Drohungen von US-Präsident Donald Trump, die europäischen Verbündeten nicht mehr in jedem Falle verteidigen zu wollen, stellen sich nicht nur führende Politiker die bange Frage "Wer verteidigt Europa?". Nicht ohne Grund hat die Politikwissenschaftlerin Jana Puglierin diese Frage zum Titel ihres Buches gemacht. Ohne die USA werde dies schwierig, aber der europäische Pfeiler in der Nato müsse und könne stärker werden, lautet ihre Antwort.
Bedrohung durch Cyberangriffe, Desinformation und Sabotage
Wie so viele Politiker, Militärs und Sicherheitsexperten hält auch die Leiterin des Think-Tanks European Council on Foreign Relations in Berlin jenes Szenario, nach dem Russland bereits im Jahr 2029 wie im Fall der Ukraine 2022 aus einem großen Militärmanöver einen direkten Angriff auf einen der baltischen Nato-Staaten wagen könnte, durchaus für denkbar.
Doch auch unterhalb einer direkten militärischen Konfrontation beherrsche Russland die "Grauzonentaktiken" einer hybriden Kriegsführung: durch Cyberangriffe, Desinformation, Unterstützung systemfeindlicher Parteien, Korruption, Sabotage und verdeckte Gewalt bis hin zu gezielten Tötungen, um westliche Gesellschaften zu destabilisieren. Verteidigung bedeute deshalb "nicht nur Militär", warnt Puglierin.
Jana Puglierin:
Wer verteidigt Europa.
Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun müssen, um uns zu verteidigen.
Rowohlt,
Berlin 2026;
255 S., 24,00 €
Durchhaltefähige Streitkräfte, eine wettbewerbsfähige Rüstungsindustrie und "die finanziellen Mittel, um all das langfristig zu sichern", werden die Europäer aber in jeden Fall brauchen, betont die Autorin. Das Problem: Wie kaum in einem anderen Bereich mangelt es den Europäern an einer effizienten und effektiven Zusammenarbeit. Der Umstand, dass nicht jedes EU-Mitglied zugleich der Nato angehört und umgekehrt, macht die Sache bereits institutionell nicht einfacher.
Europa sollte sich keine Illusionen machen
An Beispielen wie der Entwicklung eines zukünftigen Kampfflugzeuges einerseits durch Deutschland, Frankreich und Spanien und gleichzeitig durch Großbritannien, Italien und Japan kann Puglierin zeigen, wie Ressourcen bei der Modernisierung konventioneller Waffenarsenale letztlich vergeudet werden. Fachkundig zeigt sie zudem die Probleme auf, die bei einer Einbindung der Atomstreitkräfte Frankreichs und Großbritanniens bestehen.
Man darf Puglierins Buch getrost als Warnung verstehen, sich nicht noch einmal Illusionen hinzugeben über die expansionistischen Ziele von Russlands Präsident Putin sowie dessen Bereitschaft und Möglichkeiten, diese auch zu verwirklichen. Doch die Autorin tut dies in einer sachlichen und an Fakten orientierten Tonlage und mit konstruktiven Vorschlägen für die Sicherheit Europas.
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