Jahresbericht des Wehrbeauftragten : Die Truppe ist zu klein und zu kopflastig
Der Wehrbeauftragte Henning Otte mahnt im Wehrbericht 2025 den personellen Aufwuchs der Bundeswehr an. Notfalls müsse die Wehrpflicht reaktiviert werden.
Die Bundeswehr verfügt über deutlich zu wenige Soldaten - vor allem über zu wenige Mannschaftsdienstgrade. Zu dieser Einschätzung kommt der Wehrbeauftragte des Bundestags, Henning Otte, in seinem Jahresbericht 2025, den er am Dienstag an Bundestagspräsidentin Julia Klöckner übergab und anschließend der Hauptstadtpresse präsentierte. Aktuell komme in den 184.194 Soldaten umfassenden deutschen Streitkräften (Stand: Ende 2025) auf einen Mannschaftssoldaten fast ein Offizier, rechnet Otte vor.
Bundestag müsse notfalls ein Gesetz für eine Bedarfswehrpflicht verabschieden
So setzt sich die Truppe aus 29,3 Prozent Mannschaftsdienstgraden, 49,1 Prozent Unteroffizieren und 21,6 Prozent Offizieren zusammen. "Ob mit einer solchen Kopflastigkeit die Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung der Truppe wirklich nachhaltig bewältigt werden können, ist fraglich", stellt Otte unumwunden fest.
Soldatinnen und Soldaten beim öffentlichen Appell der Offizierschule des Heeres am 11. Februar in Dresden. Der Appell bildet zugleich den Abschluss der viereinhalbmonatigen Ausbildung des Offizierlehrgangs Truppendienst.
Skeptisch ist Otte, der das Amt im vergangenen Jahr von seiner Vorgängerin Eva Högl übernommen und nun seinen ersten Jahresbericht vorlegt hat, ob die Bundeswehr mit dem im vergangenen Jahr vom Bundestag beschlossenen Gesetz über den Neuen Wehrdienst genügend Freiwillige gewinnen kann, um den bis 2035 anvisierten Truppenumfang von 255.000 bis 270.000 Soldaten zu erreichen.
Wenn nicht, so stellt Otte unmissverständlich klar, "ist die Rückkehr zu einer Wehrpflicht der konsequente nächste Schritt". Der Bundestag habe deshalb die ab 2027 halbjährlich vom Verteidigungsministerium vorzulegenden Berichte zur personellen Entwicklung "zügig und kritisch" zu prüfen und gegebenenfalls ein Gesetz für eine Bedarfswehrpflicht zu verabschieden.
Otte befürchtet eine Diskrepanz zwischen Ambition und Realität
Die demografische Entwicklung, die Konkurrenz um Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt sowie strukturelle Defizite in der Bundeswehr selbst sieht Otte als die "limitierenden Faktoren" beim Aufwuchs der Streitkräfte an. Ohne eine konsequente und nachhaltige Personalstrategie drohe "eine Diskrepanz zwischen politischen Ambitionen und militärischer Realität".
In den Blick genommen werden müssten "besonders langwierige Personalbearbeitungsverfahren, sich schleppende Sicherheitsüberprüfungen und unzureichende Kommunikation mit den Betroffenen".
Auch, um den angestrebten Aufwuchs auf 200.000 Reservisten zu erreichen, muss die Bundeswehr nach Meinung Ottes vermehrt Anreize schaffen, sich auch nach dem aktiven Dienst in der Truppe zu engagieren. Vor allem müssten bürokratische Hürden, die bereits die Bewerbung für eine Reservistendienstleistung erschweren, "sofort beseitigt werden". Zudem sei es an der Zeit, "die nicht mehr zeitgemäße" Altersgrenze von 65 Lebensjahren für Reservisten zu flexibilisieren. So gelte in Schweden etwa die Vollendung des 70. Lebensjahres als Grenze.
Mehr Bewerber, aber viele sind laut Wehrbericht ungeeignet für den Dienst
Als positiv bewertet der Wehrbeauftragte durchaus, dass die Truppenstärke Ende 2025 im Vergleich zu 2024 um rund 3.000 Soldaten höher lag und dass sich die Zahl der Bewerber für einen Wehrdienst oder gar als Zeitsoldat auf 55.958 (2024: 51.200) erhöht hat. Allerdings zogen auch 5.045 Menschen ihre Bewerbungen wieder zurück. Und zudem ist auch die Zahl der ungeeigneten Bewerber weiterhin am Steigen. So habe die Bundeswehr 11.590 Bewerber wegen mangelnder Mitwirkung im Bewerbungsverfahren, gesundheitlicher Ursachen sowie fehlender geistiger oder charakterliche Eignung abgelehnt.
„Die pauschale Berufung auf eine ,Unterfinanzierung der Bundeswehr' ist seit Öffnung der Schuldenbremse keine Ausrede mehr.“
Bei den 25.230 abgeschlossenen wehrmedizinischen Begutachtungen für eine Einstellung sahen sich nach Angaben Ottes die Ärzte in den Karrierecentern veranlasst, rund 2.090 Bewerber "als nicht dienstfähig" einzustufen. Dies entspreche einem Anteil von 8,3 Prozent.
Zum Vergleich: 2024 lag die Quote bei 6,3 und 2023 bei 5,5 Prozent. Bei seinen Besuchen in der Truppe, so weiß Otte zu berichten, würden ihm die Ausbilder ihren Eindruck schildern, dass in den Karrierecentern der Bundeswehr wohl das Motto "Quantität vor Qualität" gelte. In der Basisausbildung befänden sich vermehrt Soldaten, die gesundheitlich nicht für den Dienst geeignet seien.
Zu viele Abbrecher, zu wenige Frauen in der Truppe
Unverändert hoch ist mit 19,8 Prozent auch die Quote der Soldaten, die ihren Dienst in den ersten sechs Monaten vorzeitig wieder beenden. Als zu niedrig bewertet Otte hingegen den Anteil von Frauen in der Truppe, der sich im vergangenen Jahr nur minimal im Nachkommabereich auf 13,71 Prozent erhöht hat und damit weiterhin deutlich hinter der angestrebten Quote von 20 Prozent liegt. Das Potenzial an Frauen sei "auch 25 Jahre, nachdem die Bundeswehr alle Bereiche für sie geöffnet hat, nicht ausgeschöpft".
Nach einer Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr von 2025 bewerten Frauen in der Altersgruppe von 16 bis 29 Jahren sowohl Gleichstellung als auch Vereinbarkeit von Familie und Dienst in der Bundeswehr deutlich negativer als gleichaltrige Männer. Es müsse, so fordert Otte, "flexible Möglichkeiten geben, Familie, Privatleben und Dienst durch attraktive Arbeitsmodelle besser vereinbaren zu können".
Der Wehrbeauftragte und seine Aufgabe
⚔️ Der Wehrbeauftragte dient als Hilfsorgan des Bundestages bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle der Streitkräfte und zur Wahrung der Grundrechte der Soldaten. Jeder Soldat kann sich mit einer Eingabe unter Umgehung des Dienstweges an ihn wenden.
🗂️ Er darf jederzeit alle Truppenteile und Standorte auch unangekündigt besuchen, verfügt über das Recht auf Akteneinsicht und Auskunft durch Bundeswehr und Ministerium. Mindestens einmal im Jahr legt er einen Bericht vor. Bei dessen Beratung hat er Rederecht im Bundestag.
Dauerhaft, so fügt der Wehrbeauftragte mahnend an, würden die Bemühungen um mehr Frauen - vor allem in den Kampftruppen - allerdings nur Erfolg haben, wenn die Bundeswehr jeglicher Form von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts entschieden entgegentritt.
Frauenfeindliches Klima bei den Fallschirmjägern
Doch genau dies hat sich in der Truppe ganz offensichtlich noch nicht überall herumgesprochen. Ausgerechnet bei den Fallschirmjägern, die sich selbst zur Elite der Kampftruppen im Heer zählen, sorgten im vergangenen Jahr Berichte über ein "frauenfeindliches Klima" und sexualisiertes Fehlverhalten beim Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken für jede Menge negativer Schlagzeilen.
Beschwerden von Soldatinnen bei Ottes Amtsvorgängerin Eva Högl und bei der Gleichstellungsvertrauensfrau lösten umfangreiche Ermittlungen und einen Personalwechsel an der Spitz des Regiments aus. Auch Vorwürfe wegen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Drogenmissbrauch stehen im Raum. Auf Aufforderung Högls beauftragte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) schließlich eine Dunkelfelduntersuchung zum Thema sexualisiertes Fehlverhalten. Erste Zwischenergebnisse seien Mitte des Jahres 2026 zu erwarten, schreibt Otte, der sich bei einem unangekündigten Truppenbesuch bei den Fallschirmjägern selbst ein Bild von der Lage machte.
Auch in Zukunft werde er die angekündigten strukturellen Maßnahmen und den vom Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, vorgelegten "Aktionsplan Luftlandetruppe" zur Stärkung von Führungskultur und Dienstaufsicht eng begleiten, betont Otte.
Mängel bei der Ausrüstung mit Drohnen und digitalem Funk
Deutlich zugeknöpfter zeigt sich der Wehrbeauftragte in seinem Bericht bei Auskünften über die Ausstattung der Truppe mit Panzern, Schiffen, Flugzeugen, Hubschraubern und anderen Waffensystemen sowie deren Einsatzbereitschaft. So macht Otte zwar keinen Hehl daraus, dass noch immer erheblicher Nachholbedarf bei der Ausrüstung mit Drohnen und Systemen zu deren Abwehr besteht und dass die "Schwierigkeiten und Verzögerungen" bei der Ausrüstung mit einer modernen, digitalen Funk- und Datentechnik "besorgniserregend" seien. Aber um keine Rückschlüsse auf die Fähigkeiten der Bundeswehr zuzulassen und die Sicherheit der Soldaten nicht zu gefährden, werde er dazu "keine Details" veröffentlichen.
So belässt es der Wehrbeauftragte bei der Mahnung, dass eine voll ausgestattete und durchhaltefähige Bundeswehr "von überragender Bedeutung" sei, dass "ausreichend Munition, funktionierende Logistik und persönliche Ausrüstung genauso entscheidend" seien wie die Verfügbarkeit von Großgerät. Mit der Öffnung der Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben sei "die pauschale Berufung auf eine Unterfinanzierung der Bundeswehr" auf jeden Fall keine Ausrede mehr.
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