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Foto: picture alliance / Zoonar / monticello
Blick auf Budapest: Neben Wien, Bratislava und Belgrad gehört Budapest zu den vier europäischen Hauptstädten, die an der Donau liegen.

Leipziger Buchmesse 2026 : Literatur vom großen Fluss

Unter dem Motto „Donau – Unter Strom und zwischen Welten“ präsentiert die Leipziger Buchmesse Bücher und Schriftsteller aus zehn Ländern.

13.03.2026
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4 Min

Beginnend beim Zusammenfluss ihrer beiden Quellflüsse Brigach und Breg im Schwarzwald, schlängelt sie sich 2.857 Kilometer durch Süddeutschland, Österreich und den Balkan bis ins Schwarze Meer. Auf ihrem Weg dorthin durchfließt beziehungsweise berührt sie mit der Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, der Republik Moldau und der Ukraine acht weitere Länder - so viele wie kein anderer Fluss der Erde. 

An den Ufern des zweitlängsten Flusses Europas liegen mit Wien, Bratislava, Budapest und Belgrad gleich vier europäische Hauptstädte, werden unterschiedlichste Sprachen gesprochen und Kulturen gelebt. Sie sah die Imperien der Römer, Byzantiner, Osmanen und Habsburger, die alle ihre Spuren hinterließen, kommen und gehen, war Schauplatz blutiger Konflikte, von Flucht und Vertreibung - die Donau.

Statt einem Gastland präsentiert die Messe einen ganzen Kulturraum 

Es ist also ein durchaus ambitioniertes Unterfangen, wenn die Leipziger Buchmesse im Gegensatz zu früheren Jahren kein einzelnes Gastland präsentiert, sondern diesen gewaltigen Kulturraum und seine Literaturen unter dem Motto: "Donau - Unter Strom und zwischen Welten". Aber mit Stephan Ozsváth habe die Buchmesse einen ausgewiesenen Donauexperten als Kurator gewonnen, "der dem Thema eine klare inhaltliche Handschrift verleiht", sagt Astrid Böhmisch, Direktorin der Leipziger Buchmesse. Als Partner für das Programm - darunter rund 24 Buchpräsentationen, Gespräche und Podiumsdiskussionen - auf der "Donaubühne" in Halle 4 stehen Ozsváth unter anderem das Auswärtige Amt, die Bundeszentrale für politische Bildung, das Goethe-Institut und verschiedene Kulturinstitutionen der beteiligten Länder zur Seite.


„Entlang der Donau gibt es viele blühende, aber auch von Gewalt kontaminierte Landschaften.“
Kurator Stephan Ozsváth

"Die Donauregion ist ständig 'unter Strom', denn hier wird schon immer um Einflusssphären gerungen", sagt Ozsváth, der unter anderem als Südosteuropa-Korrespondent für die ARD arbeitete. "Entlang der Donau gibt es blühende, aber auch viele von Gewalt kontaminierte Landschaften. Hier entstehen Zwischenwelten, in den Auen, aber auch im Politischen." Die Vielfalt der Völker, der Sprachen und der Kulturen hätten sich, so Ozsváth, ebenso wie die Kriege und Konflikte "als Sediment in diesem wahrhaft europäischen Fluss abgelagert".

Buchpreis zur Europäischen Verständigung für Miljenko Jergovic

Zu diesem Sediment gehören auch die Schrecken der Bürgerkriege im auseinanderfallenden Jugoslawien in den 1990er Jahren. Da passt es durchaus, dass der kroatisch-bosnische Schriftsteller Miljenko Jergovic für seinen Erzählband "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered" (Suhrkamp) mit dem diesjährigen Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wird. Im Mittelpunkt steht die zwischen 1992 und 1996 insgesamt 1.425 Tage andauernde Belagerung seiner Geburtsstadt Sarajevo. "Mal drastisch, mal unerbittlich, mal poetisch nimmt der Schriftsteller die Versehrungen der Individuen und die Verheerungen der Gesellschaft in den Blick", heißt es in der Begründung der Jury. "Mit seiner Hinwendung zu den unscheinbaren Details und Fragmenten" leiste Jergovic "ästhetischen Widerstand gegen die großen Vereinfachungen und die Gefahren des Nationalismus". Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird am 18. März im Gewandhaus zu Leipzig vergeben.

Zur Buchrezension

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Emigration und Exil: Flucht vor den Nationalsozialisten auf der ersten Balkanroute

Die Verwüstungen der Jugoslawien-Kriege thematisiert auch die kroatische Architektin Ena Katarina Haler in ihrem Roman "Die Schuldlosen" (Folio). Flüchtlinge kehren in ihre zerstörte Heimat im Grenzgebiet Kroatien-Bosnien zurück, die Landschaft spiegelt sich im Innern wider. Eine Coming-of-Age-Geschichte in verwüsteter Kulisse.

Flucht und Vertreibung gehören zu den großen Themen aus und über die Region. So findet sich unter den Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik der Titel "Balkan-Odyssee" (C.H. Beck) von Marie-Janine Calic. Sie erzählt von der Flucht von Schriftstellern und anderen Künstlern vor den Nationalsozialisten durch und nach Südosteuropa in den Jahren von 1933 bis 1941. Der mit jeweils 20.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse in den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung wird am 19. März in der Glashalle der Leipziger Messe verliehen.

Romane um Flucht, Schuld und NS-Vergangenheit

Von der Flucht über die Balkan-Route im Sommer 2015 erzählt auch der in Freiburg geborene und in Wien lebende Jurist und Autor Daniel Zipfel in seinem neuesten Roman "Walküre" (Leykam): Sein Protagonist - genau wie Zipfel selbst als Asylrechtsberater tätig - übernimmt den Fall eines Syrers, dem Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Inmitten seines moralischen Dilemmas taucht seine deutsche Großmutter in Wien auf und mit ihr ihre eigene NS-Vergangenheit.


„Mit Schrecken merke ich, dass mein dystopischer Roman Wirklichkeit werden könnte.“
Iulian Ciocan

Die NS-Vergangenheit und die Geschichte der Donauschwaben verknüpft die Wiener Autorin Katherina Braschel in ihrem Debütroman "Heim holen" (Residenz). Lina, aufgewachsen in einer donauschwäbischen Gemeinschaft, die sich nach Vertreibung und Flucht in Salzburg angesiedelt hat, wird konfrontiert mit der SS-Mitgliedschaft ihres Großvaters. Ihre Recherchen zur Familiengeschichte führen bis nach Belgrad.

Ciocan erzählt von Korruption und moralischem Verfall in Moldau

Bevor die Donau in Rumänien im Schwarzen Meer mündet, streift sie die Südspitze der Republik Moldau. Die Geschichte des kleinsten Anrainerstaates steht geradezu exemplarisch für die historischen Wechselfälle in der Region. Sie war mit unterschiedlichsten Grenzen Fürstentum, Teil Rumäniens, Republik der Sowjetunion und ist nach deren Zerfall schließlich ein unabhängiger Staat. 

In dystopischen Romanen wie "Am Morgen kommen die Russen" (Dittrich) beschreibt Iulian Ciocan, einer der wichtigsten Schriftsteller Moldaus, das Leben in einem dysfunktionalen Staat im Schatten der Bedrohung durch Moskau. "Mit Schrecken merke ich, dass mein dystopischer Roman Wirklichkeit werden könnte", äußerte er sich kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. In Leipzig präsentiert er seinen aktuellen satirischen Roman "Die Königin der Kelche" über Korruption, Schuld und moralischen Verfall in einer postsowjetischen Gesellschaft.

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