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Foto: picture alliance/dpa
Gespräche - das tägliches Geschäft eines Bürgermeisters: Seit 2023 ist der aus Syrien stammende Ryyan Alshebl Bürgermeister eines kleinen Orts im Nordschwarzwald. Seitdem hat der gelernte Verwaltungsfachangestellte einige Ideen zur Stärkung der Demokratie entwickelt.

Bürgermeister Ryyan Alshebl im Interview : "Uns geht es wahnsinnig gut"

Vor elf Jahren floh Ryyan Alshebl aus Syrien nach Deutschland. Heute ist er Bürgermeister von Ostelsheim und berichtet in seinem Buch, wie gute Politik gehen kann.

16.04.2026
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6 Min

Herr Alshebl, wenn Sie zehn Jahre zurückblicken: Wo waren Sie damals, und wo hätten Sie gedacht oder gehofft, heute zu sein?

Ryyan Alshebl: Vor etwas mehr als zehn, bald elf Jahren jedenfalls war ich noch in einer Gemeinschaftsunterkunft auf dem Wimberg, einem Stadtteil von Calw. Da lebt man mit fünf weiteren Personen in einem Zimmer und teilt sich Küche und Sanitäranlagen mit weiteren sechs Leuten. Wir waren also zu zwölft. Ich war einfach ein Flüchtling, der versuchte, Fuß zu fassen. Anders gesagt: Mein Ziel war damals definitiv noch nicht, Bürgermeister von Ostelsheim zu werden.

Foto: Nadine Pfeifer
Ryyan Alshebl
wuchs als Mitglied der drusischen Minderheit in Syrien auf. Während des Bürgerkriegs entschied er sich 2015 zur Flucht, um dem Militärdienst unter dem Regime von Baschar al-Assad zu entkommen. Nach dem Erlernen der deutschen Sprache schloss er 2020 eine duale Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten ab. Im April 2023 wurde er als parteiunabhängiger Kandidat zum Bürgermeister der Gemeinde Ostelsheim im Landkreis Calw gewählt.
Foto: Nadine Pfeifer

Sondern?

Ryyan Alshebl: Ich wollte Kfz-Mechaniker werden, habe dann auch ein sechswöchiges Praktikum in einer Autowerkstatt gemacht. Aber ehrlich gesagt: Ich habe zwar gelernt, wie man Reifen wechselt und einen Ölwechsel macht, aber am Ende war doch allen Beteiligten klar, dass darin nicht meine wesentliche Begabung liegt. Zum Glück hat sich schnell ein weiteres Praktikum ergeben - diesmal in der Kommunalverwaltung. Dort habe ich ziemlich schnell gemerkt: Das könnte etwas für mich werden. Dort hat man den Vorteil, dass man mit deutlich mehr Menschen zu tun hat.

Im April 2023 wurden Sie in der 2.600-Seelen-Gemeinde Ostelsheim zum Bürgermeister gewählt, nach einem Wahlkampf, für den Sie gleichsam von Tür zu Tür gegangen sind. Was meinen Sie, wurden Sie trotz oder wegen Ihrer syrischen Herkunft gewählt?

Ryyan Alshebl: Sicherlich nicht wegen meiner Herkunft. Meine Geschichte hat mir zwar geholfen, im Wahlkampf bekannter zu werden - alle wollten den Syrer kennenlernen, der hier plötzlich Bürgermeister werden will. Aber meine Wahlchancen hat diese Eigenschaft nicht unbedingt erhöht. Zwar gab es Menschen, die sagten: Ich wähle ihn, weil er so eine krasse Geschichte hat. Aber es gab genauso das Gegenteil: Gerade weil er nicht von hier ist - kann er wirklich verstehen, wie eine deutsche Verwaltung funktioniert? Jemand, der nicht mal acht Jahre im Land ist?

Wie haben Sie die Zweifelnden überzeugt?

Ryyan Alshebl: Unter jenen, die in meinem Jahrgang ihre Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten in Baden-Württemberg abgeschlossen hatten, war ich unter den fünf Prozent Besten. Ich kannte mich also erkennbar aus. An den Haustüren habe ich mehr als einmal erlebt, dass die Leute nach unserem Gespräch ihre Meinung geändert haben. Und auch wenn ich ein paar Tage vor der Wahl noch dachte, es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen, ging es schließlich mit einem lockeren Abstand zu meinen Gunsten aus.


„In den Behörden gibt es oft eine Kultur, die sich am besten als ,Verhinderungsbürokratie' zusammenfassen lässt.“
Bürgermeister Ryyan Alshebl

Inzwischen sind Sie bald in Ihrem vierten Jahr als Bürgermeister. Welche Themen erleben Sie als Kommunalpolitiker als die drängendsten?

Ryyan Alshebl: Wir haben im Grunde ein sehr gut funktionierendes kommunales System. Wenn ich das mit Frankreich vergleiche, fällt auf, dass die Kommunen hier eine starke Stellung und beachtlichen Gestaltungsspielraum haben. Und wenn ich an Syrien denke - ein Land, das man verwaltungstechnisch guten Gewissens als "Failed State" bezeichnen darf -, dann ist es ein großes Privileg, hier zu leben. Aber das darf nicht den Eindruck erwecken, dass es keine Probleme gibt. Wir haben einen überregulierten Rechtsstaat, in dem die Träger politischer Entscheidungen oft nicht mehr in der Lage sind, ihre eigenen Ansätze umzusetzen. Und in den Behörden gibt es oft eine Kultur, die sich am besten als "Verhinderungsbürokratie" zusammenfassen lässt.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ryyan Alshebl: Nehmen Sie die Hermann-Hesse-Bahn, die Reaktivierung eines etwa 20 Kilometer langen Abschnitts der ehemaligen württembergischen Schwarzwaldbahn. Die ursprüngliche Strecke von Stuttgart nach Calw, etwa 50 Kilometer lang, wurde im 19. Jahrhundert innerhalb von sechseinhalb Jahren beschlossen, geplant und gebaut. Heute haben wir, mit weit überlegenen technologischen Mitteln, für die Reaktivierung von weniger als der Hälfte der Strecke 14 Jahre gebraucht.

Die Verzögerung lag daran, dass an der Strecke Fledermäuse im Weg waren, wie auch bei der Schaffung eines neuen Wohnheims für Geflüchtete, das Sie planen wollen. In Ihrem Buch scheinen Sie sich darüber regelrecht zu mokieren. Dabei ist Naturschutz ein urgrünes Thema - und Sie sind Mitglied der Grünen...

Ryyan Alshebl: Ich bin absolut dafür, dass Artenschutz eine prioritäre Rolle spielt. Aber es muss eine Abwägung von Rechtsgütern geben. Bei der Hesse-Bahn ging es um Fledermäuse in einem Tunnel, deretwegen eine unfassbar teure Ingenieursmeisterleistung gebaut wurde - ein "Tunnel im Tunnel", der Millionen Euro gekostet hat. Und trotzdem gab es am Ende eine neue Auflage der höheren Naturschutzbehörde: Der Zug darf nun nur mit 30 Stundenkilometer durch den Tunnel fahren, weil die Fledermäuse "eingewöhnt" werden müssten. Den geplanten Halbstundentakt, der für die Menschen wesentlich attraktiver wäre, verpassen wir damit. Meiner Erfahrung nach hat Artenschutz in solchen Genehmigungsverfahren oft viel mit Glauben zu tun. Ein Gutachter mit geradezu königlicher Stellung sagt: "Ich glaube, das wird nicht funktionieren." Das genügt, um alle Pläne zu verwerfen. Das grenzt für mich an Schikane.

Sie sind auch in anderer Hinsicht nicht mainstream-grün: Ausgerechnet den umstrittenen Boris Palmer haben Sie sich als eine Art Mentor erkoren. Warum?

Ryyan Alshebl: Ich bin bei den Grünen eingetreten, weil mich Personen wie Cem Özdemir inspiriert haben - jemand mit Migrationshintergrund, der eine zentrale Rolle einnimmt. Die linken Grünen waren für mich nie eine Inspiration. Boris Palmer habe ich damals kontaktiert, weil ich ihn als hochinteressanten, wenn auch manchmal schlecht gelaunten Menschen wahrgenommen habe. Ein bisschen wollte ich ihn wohl auch antriggern, nach dem Motto: "Ich bin Syrer, ich will Bürgermeister werden, was sagst du dazu?" Eine moralische Abneigung, mit ihm zu sprechen, hatte ich nicht - und er auch nicht. Er schlug sofort ein Treffen vor, bei dem ich ihn als unfassbar klug erlebt habe. Und im ländlichen Raum hier in Baden-Württemberg genießt er ein sehr hohes Ansehen.


„Wenn weiterhin irreguläre Migration stattfindet, fürchte ich, salopp gesagt, wird am Ende die AfD hier den Laden übernehmen.“
Bürgermeister Ryyan Alshebl

Eindrücklich schildern Sie in Ihrem Buch Ihre Flucht: die 4.000 Euro, die Ihre Familie für Schleuser aufgebracht hat, eine Überfahrt auf dem Mittelmeer, die Sie fast nicht überlebt hätten, die unhaltbaren Zustände im Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Wie erleben Sie heute Nachrichten über die Lage auf dem Mittelmeer, als Mensch, als Politiker?

Ryyan Alshebl: Ich fange einmal mit dem Menschen an: Ich habe volles Verständnis für jeden, der auf diesem Weg nach Deutschland will. Warum sollte ich anderen das große Privileg, dass ich hier aufgenommen wurde, verwehren? Zugleich rate ich aber auch jedem, der mich fragt, ausdrücklich von diesem gefährlichen Weg ab. Was ich auf diesem Schlauchboot erlebt habe, wünsche ich niemandem. Und politisch müssen meines Erachtens dringend andere Wege her.

Was schlagen Sie vor?

Ryyan Alshebl: Ich plädiere dafür, diese lebensgefährlichen Routen überflüssig zu machen, indem wir andere moderne, legale Einwanderungswege schaffen. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass ich wahrnehme, dass unregulierte Migration zur Erstarkung der Ränder führt: Wenn weiterhin irreguläre Migration stattfindet, fürchte ich, salopp gesagt, wird am Ende die AfD hier den Laden übernehmen. Deswegen brauchen wir kluge Einwanderungsregelungen, ein zeitgleiches Angehen der Fluchtursachen - aber auch Ordnungsmaßnahmen und Kontrolle. Spätestens auf kommunaler Ebene wird einem bewusst, dass es diesen pragmatischen Mittelweg braucht.


Ryyan Alshebl:
Flucht nach vorn.
Ein syrischer Bürgermeister in Schwaben zeigt, wie gute Politik gehen kann.
Droemer,
München 2026;
224 S., 23,00 €


Ihre provokanteste These stellen Sie gleich zu Beginn ihres Buches auf: Im kriegszerstörten Syrien erlebten Sie ein "ungeheures Maß an Zuversicht", im wohlhabenden Deutschland hingegen eine "gedämpfte, sorgenbeladene Stimmung", gespeist aus der Angst vor Verlust. Wie kommen wir da wieder raus?

Ryyan Alshebl: Das hat viel mit einem Übersättigungsgefühl zu tun. Wenn ich mit Menschen in Syrien spreche, dann spüre ich dort - trotz der furchtbaren politischen Spannungen - oft das Gefühl eines Bergsteigers. Man steht unten, sieht den steilen Berg vor sich und hat Lust zu klettern, um etwas zu erreichen. Die Deutschen hingegen sind bereits auf dem Gipfel des Berges. Und was passiert dort? Die eine Hälfte fühlt sich gelangweilt, und die andere Hälfte hat ständig Angst, abzustürzen.

Das ist eine harte Diagnose für Ihre neue Heimat. Was ist Ihr Ansatz dagegen?

Ryyan Alshebl: Mein Beitrag ist zu sagen: Schaut einmal nach Syrien oder in andere Teile der Welt. Dort sind die Leute bereit, Berge zu versetzen, nur um die Standards zu erreichen, die wir hier längst haben. Uns geht es wahnsinnig gut. Das bedeutet nicht, dass dieses Land keine Probleme hat - die Verhinderungsbürokratie, über die wir sprachen, ist real. Aber wir sollten aufhören, dieses Land ununterbrochen schlechtzureden, und stattdessen unsere Energie nutzen, um von unserer Gipfelposition aus konstruktiv die echten Probleme zu lösen.

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