Die Bundesrepublik in der Nachkriegszeit : Vom Mangel zur satten Selbstgefälligkeit
Dietmar Pieper schildert in "Trümmertänze" die schwer erträglichen Gleichzeitigkeiten und die Zwiespältigkeit deutscher "Wunder" in den Nachkriegsjahren.
Es ist ein sehr anschauliches Bild über das erste deutsche Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg, das Dietmar Pieper in "Trümmertänze. Deutschland 1946-1955" zeichnet. Historische Einordnungen mit Eckdaten, Zitaten und Stichworten bilden den Rahmen für mehr als zwanzig sehr unterschiedliche Lebensgeschichten, mal hell, mal trüb, alle mit vielen Zwischentönen.
Symbol des Wirtschaftswunders: Am 5. August 1955 läuft im Volkswagenwerk Wolfsburg der einmillionste VW Käfer vom Band. Seine Geschichte beginnt allerdings schon im nationalsozialistischen Deutschland als KdF-Wagen ("Kraft durch Freude")
Einer der Protagonisten auf dem Weg von den ersten Nachkriegsjahren des Mangels hin zum rasanten Wiederaufschwung ist der Wehrmachtsgeneral Erich von Manstein. Der hatte 1941 seinen Truppen im Osten den Befehl gegeben, als Rächer aufzutreten für angebliche Grausamkeiten, die dem deutschen Volk zugefügt worden seien. Trotz Verurteilung als Kriegsverbrecher blieb er reuelos, wurde als inoffizieller Berater am Aufbau der Bundeswehr beteiligt und gelangte zu hohem Ansehen, wie der "Spiegel"-Journalist Pieper beschreibt. Die Gräueltaten der Wehrmacht an Zivilisten habe Manstein als "Kriegsnotwendigkeiten" beschönigt.
Die Frage nach dem Umgang mit Schuld, Tätern und Opfern
Die Frage nach dem Umgang mit Schuld, Tätern und Opfern zieht sich als roter Faden durch das Buch. Dabei ist es weniger eine flammende Anklage der Kontinuitäten wie "Die zweite Schuld" von Ralph Giordano oder distanziert-analytisch wie "Die Unfähigkeit zu trauern" von Alexander und Margarete Mitscherlich. Pieper fasziniert mit der Darstellung, wie ganz verschiedene Menschen sich in der jungen Bundesrepublik zurechtzufinden versuchten.
Wäre es überhaupt möglich gewesen, alle Täter und Mitläufer abzustrafen? Der zitierte Disput zwischen der Philosophin Hannah Arendt und ihrem Kollegen Karl Jaspers dazu lässt einen nachdenklich zurück. Für Arendt schienen die NS-Verbrechen nicht mehr juristisch fassbar angesichts ihrer Dimension, keine angemessene Strafe möglich. Karl Jaspers mahnte sie, die Schuld nüchterner einzuordnen und Banalitäten zu erkennen, um die Nazis nicht durch "satanische Größe" zu überhöhen.
Eine "Stunde Null" habe es gar nicht gegeben, konstatiert Pieper, das entspreche nicht den Fakten über Kontinuitäten und Verbindungslinien. Unbedingter Wille zum Wiederaufbau sei einhergegangen mit dem Schweigen über die Vergangenheit. Heuchelei und Selbststilisierung als Opfer seien oft groß gewesen. Dass der Aufbaueifer der Deutschen etwas mit Verdrängung zu tun hatte, wird spürbar. Arendt nahm eine "verrückte Arbeitswut" wahr. Wirtschaftswunder weit und breit, diagnostiziert sie 1955 bei einem Besuch in Frankfurt am Main und fürchtet, dass alles nur Fassade sein könnte. Die Schauspielerin Anneliese Uhlig, die im NS-Staat in Ungnade gefallen war, weil sie Avancen von Propagandaminister Joseph Goebbels abgelehnt hatte, nannte es "satte Selbstgefälligkeit und Betriebsamkeit um mehr und mehr Wohlstand".
Gefüllte Schaufenster, Fräuleinwunder und Weltmeistertitel prägten das Selbstbild
Die plötzlich gefüllten Schaufenster nach der Währungsreform im Juni 1948 seien vielen wie ein "magischer Moment" vorgekommen, schreibt Pieper. Dem Wirtschaftswunder folgten 1950 das "Fräuleinwunder" der Miss Germany Susanne Erichsen und das Fußballwunder von Bern 1954. Der Schriftsteller Günther Eich verspürte denn auch ein Unbehagen "angesichts der fortwährenden deutschen Wunder".
Dietmar Pieper:
Trümmertänze.
Deutschland 1946-1955.
Piper,
München 2026;
400 S., 24,00 €
Verkörperungen des rasanten Aufschwungs beschreibt Pieper mit dem Unternehmer Josef Neckermann, der zwar als "eiskalter Arisierer" vom NS-Regime profitiert hatte und eine Zeitlang im Zuchthaus verbringen musste, aber dann schnell zu einem der führenden Versandhaushändler aufstieg. Daimler-Benz-Vorstand Wilhelm Haspel stand schon während des Krieges an der Spitze des Konzerns, stellte sich jedoch nach seiner Absetzung durch die US-Militärregierung als unpolitischen Technokraten dar. Pieper zitiert Aktenvermerke, in denen Haspel zur maximalen Ausnutzung von Zwangsarbeitern gedrängt hatte, um das Letzte aus ihnen herauszuholen, wenn nötig "mit Brachialgewalt". 1948 wurde er wieder Vorstandsvorsitzender.
Der Kampf jüdischer Rückkehrer um Anerkennung und Besitz
Der Kaufmann Berthold Beitz hingegen hatte sich für das Überleben von Juden eingesetzt und machte erst in der Versicherungsbranche und dann als Topmanager bei Thyssen Krupp Karriere.
Und zur selben Zeit spielte sich die Geschichte von Julius Brumsack ab, dessen jüdische Familie aus ihrem Haus im niedersächsischen Beverstedt vertrieben, deportiert und ermordet worden war. Brumsack überlebte, weil es ihm gelang, nach Schottland auszuwandern. Er brauchte viele Jahre und einen langen Atem im Kampf mit den Behörden, um Elternhaus, Hausrat und Anerkennung als Opfer zu erhalten.
Die Art, wie Pieper die Gleichzeitigkeit dieser Lebensgeschichten erzählt, vermittelt einen Eindruck davon, wie beklemmend es für Überlebende gewesen sein muss, neben den Tätern weiter zu existieren, wie zwiespältig der Aufschwung und wie schwierig das Thema "Wiedergutmachung" war.
Mehr Buchrezensionen zum Thema
Der Historiker und Schriftsteller Oliver Hilmes spürt in seinem Buch "Ein Ende und ein Anfang" dem Lebensgefühl im Sommer 1945 nach.
Miriam Gebhardt beschreibt, wie sich Deutschlands Frauen nach dem Zweiten Weltkrieg neue Freiheiten eröffneten. Doch dann setzte sich das Patriarchat wieder durch.