Vor 10 Jahren : Kanzlerin Merkels "Wir schaffen das"
Zum Umgang mit dem hohen Flüchtlingsaufkommen sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 31. August 2015 ihren wohl berühmtesten und bis heute viel diskutierten Satz.
Es wirkte nicht wie ein geplanter Appell an die deutsche Bevölkerung. Nicht wie ein kalkulierter Weckruf wie Roman Herzogs "Durch Deutschland muss ein Ruck gehen" oder ein von Wahlkampfstrategen erdachter Slogan wie Barack Obamas "Yes we can".
Als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 31. August 2015 auf der Sommerpressekonferenz ihre wohl berühmtesten Worte sprach, wurde ihnen zunächst nicht viel Beachtung beigemessen. Vielleicht, weil Merkel nach Sigmar Gabriel (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU) schon die Dritte war, die vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise "Wir schaffen das" sagte. Vielleicht, weil sie die drei Worte in dem insgesamt rund 70 Worte umfassenden Statement rhetorisch nicht sonderlich herausstellte. Dabei kam ihr der berühmt gewordene Ausspruch wohl nicht spontan über die Lippen.

Bei der Sommerpressekonferenz im August 2015 stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel sich den Fragen der Hauptstadtpresse - und zeigte sich optimistisch trotz der hohen Asyl-Prognose.
"Ich sage ganz einfach: Deutschland ist ein starkes Land", beginnt das Zitat. "Das Motiv, mit dem wir an diese Dinge herangehen, muss sein: Wir haben so vieles geschafft - wir schaffen das! Wir schaffen das, und dort, wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden, muss daran gearbeitet werden. Der Bund wird alles in seiner Macht Stehende tun - zusammen mit den Ländern, zusammen mit den Kommunen -, um genau das durchzusetzen."
Mit dem Satz wollte Merkel angesichts der Herausforderung Mut machen
In ihren Memoiren widmet Merkel der Sommerpressekonferenz ein eigenes Kapitel. Darin erinnert sie sich, wie sie sich am Vormittag des 31. August auf das Treffen mit den Hauptstadtjournalisten vorbereitete.
Unter dem Eindruck der jüngsten Entwicklungen - das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge korrigierte seine Asyl-Prognose für 2015 auf 800.000 Anträge nach oben, besonders Italien machte Druck auf die EU-Staaten, sich mehr an der Bewältigung des Flüchtlingsstroms zu beteiligen, Meldungen von gesunkenen Flüchtlingsbooten häuften sich - ging Merkel zu ihrer Büroleiterin Beate Baumann. "Gerade erst haben wir das Griechenland-Problem hinter uns, und sofort liegt das nächste Riesenthema vor der Haustüre", habe Merkel frustriert gesagt. "Aber egal! Irgendwie werden wir auch das schaffen. Wir haben das andere ja auch geschafft." "Stimmt", habe Baumann entgegnet, und genau so könne Merkel das doch "auch in der Pressekonferenz sagen".
Die Kanzlerin sei mit dem Gedanken vor die Journalisten getreten, "wenn ich diese Botschaft rüberbringe, kann ich Mut machen und zugleich zeigen, dass ich mir der Größe der Aufgabe bewusst bin". Ob ihr das gelungen ist, kann bezweifelt werden. Der Satz und Merkels Migrationspolitik haben polarisiert.
Die ehemalige Kanzlerin steht bis heute zu ihrem Kurs in der Flüchtlingspolitik
Einige glaubten, ein Ereignis Mitte Juli habe mit zu dem Ausspruch geführt: Bei einer Veranstaltung an einer Schule hatte Merkel noch gesagt, "wenn wir jetzt sagen: 'Ihr könnt alle kommen' (...) - das können wir auch nicht schaffen'". Mit den Worten hatte Merkel ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen gebracht. Hat das Treffen mit der 15-jährigen Schülerin Merkels Haltung verändert?
Bis heute steht Merkel zu ihrem "Wir schaffen das". Erst kürzlich sprach sie von einem Prozess, man habe bereits viel geschafft. In ihren Memoiren schreibt sie, hätte ihr damals jemand gesagt, wie lange ihr "diese drei banalen Worte" vorgehalten werden, hätte sie "ungläubig geguckt".
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