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Neubaustrecke Hamburg-Hannover : Ein Streit mit 109 Kilometer Länge

Der Neubau der Bahnstrecke zwischen Hamburg und Hannover ist weiterhin umstritten. In einer Anhörung im Verkehrsausschuss trafen Gegner und Befürworter aufeinander.

24.04.2026
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3 Min

Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) empfiehlt den zweigleisigen Neubau einer 109 Kilometer langen Schienenstrecke zwischen Hamburg und Hannover. Noch vor der Sommerpause will der Bundestag darüber entscheiden. Nach wie vor aber gibt es Kritik aus der Region an dem Vorhaben, wie sich bei einer Sachverständigenanhörung des Verkehrsausschusses am Montag zeigte.

Foto: picture alliance/dpa

Gegner des Neubauprojektes Hamburg-Hannover fordern den Ausbau von Bestandsstrecken - die Alpha-Variante E.

Der Bürgermeister der Samtgemeinde Tostedt, Peter Dörsam, ist ein erklärter Gegner der geplanten Neubaustrecke. Zu teuer sei sie, zu viele Flächenverbräuche gebe es und vor allem: "Der Bau dauert zu lange". Von einer Fertigstellung erst im Jahr 2063 sei auszugehen, sagte er bei der Anhörung.

Die wichtige Hafenhinterland-Anbindung ist stark überlastet

Dörsam spricht sich für einen bedarfsgerechten Ausbau von Bestandsstrecken im Dreieck Bremen-Hamburg-Hannover aus - die sogenannte Alpha-Variante E, auf die sich die Teilnehmer im Dialogforum Schiene-Nord (DSN) im Jahr 2015 verständigt hatten.

Dass das EBA nun die Vorzugsvariante der DB InfraGO AG - eben jene Neubaustrecke - empfiehlt, hat aus seiner Sicht auch damit zu tun, dass die Alternativen nicht ausreichend geprüft worden seien. Als ein Beispiel verweist er auf die von den Neubaubefürwortern immer wieder angeführte Überlastung der aktuellen Strecke, die auch eine wichtige Hafenhinterland-Anbindung darstellt. Von einer 147-prozentigen Auslastung der Strecke sei immer wieder die Rede, so Dörsam. 

Ergebnis der Prüfung von DB InfraGo: Nur Neubaustrecke erfüllt alle Vorgaben und Ziele

Tatsächlich bezieht sich das aber seiner Aussage nach lediglich auf den Abschnitt Lüneburg- Stelle. Dort aber gebe es sogar schon ein drittes Gleis, welches jedoch aufgrund fehlender Weichen nicht ausreichend zur Verfügung stehe. Die Bahn selber habe 2019 öffentlich vorgerechnet, dass man durch den Einbau von Weichen "und anderer kleiner Maßnahmen" diese Überlastung komplett wegbekommen könnte, sagte er.


„Wir brauchen die Generalsanierung, um zumindest den akuten Zustand irgendwie aufzufangen.“
Claudia Kalisch (Oberbürgermeisterin von Lüneburg)

Matthias Hudaff, Leiter Großprojekte ABS/NBS Hamburg-Hannover bei der DB InfraGO AG, wurde nicht müde, darauf hinzuweisen, wie ausgiebig man die verschiedenen Trassenvarianten geprüft habe. Ergebnis dessen sei: Nur die Neubaustrecke erfülle alle Vorgaben und Ziele, habe weniger Schallbelastung, einen geringeren Eingriff in den Naturschutz, geringere landwirtschaftliche Flächenverbrauche und eine kürzere Bauweise als andere Varianten.

Bahnprojekt sorgt auch für Spannung zwischen dem Bund und Niedersachsen

Nicht alle in der Region lehnen das Vorhaben ab. Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch sieht in der Trasse die einzige Möglichkeit, die südliche Metropolregion inklusive Lüneburg über die Schiene an Hamburg anzubinden. Um hier die dringend benötigten zusätzlichen Kapazitäten für den Regional- und Pendelverkehr zu schaffen, brauche es eine Entlastung der Bestandsstrecke, die nur mit einer Neubautrasse zwischen Hamburg und Hannover erreichbar sei. Dass es nicht bis 2050 dauern darf, bis die aktuell untragbare Situation für Pendler wie auch den Güterverkehr verbessert wird, fordert auch sie. Die geplante Generalsanierung werde benötigt, "um den akuten Zustand irgendwie aufzufangen".

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Diese Generalsanierung soll 2029 beginnen. Neun Maßnahmen seien über das Programm zur Erhöhung der Schienenkapazität aus dem Klimaschutzpaket finanziert. Zudem erfolge der Einbau des modernen Signalsystems ETCS, erläuterte Bahn-Vertreter Hudaff.

Das Bahnprojekt sorgt nicht nur für Spannung in der Region, sondern auch zwischen Bund und Ländern - oder genauer gesagt, zwischen Bund und einem Land, Niedersachsen nämlich. Dessen rot-grüne Landesregierung setzt eher auf die Bestandsstreckenertüchtigung. Aktuell gebe es keine Kommunikation inhaltlicher Art zwischen Bund und Land, konstatierte Jens Grote, Landrat des Landkreises Heidekreis, der sich ebenfalls als Verfechter der Alpha-Variante E zeigte. Folge dieses Kommunikationslochs sei, "dass wir Kommunen zwischen Baum und Borke stehen", sagte Grote.

Verkehrswissenschaftlicher: Neubauvorhaben ist zu teuer

Ganz klar für die Neubaustrecke plädierten bei der Anhörung die Vertreter des Fahrgastverbandes Pro Bahn, vom Verkehrsclub Deutschland sowie Lutz Könner vom Verband der deutschen Seehafenbetriebe.

Viel zu teuer ist das Neubauvorhaben aus Sicht des Verkehrswissenschaftlers Thomas Siefer von der TU Braunschweig. 14 Minuten Fahrzeiteinsparung stünden Kosten in Höhe von 14 Milliarden Euro gegenüber. "Wir erreichen also eine Minute Fahrzeitgewinn mit einer Milliarde Euro", rechnete er vor.

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