Gastkommentare : Pro oder Contra: Ist das Aus für das Verbrenner-Aus der richtige Weg?
Die EU-Kommission hat das geplante Verbrenner-Aus gekippt. Christian Grimm sieht darin eine überfällige Korrektur, Wolfgang Mulke verlorene Zeit: ein Pro und Contra.
Pro
Das Aus vom Verbrenner-Aus ist eine überfällige Korrektur
Europa hat seiner Autoindustrie eine Fessel angelegt, die sie abzuschnüren droht. Die Lage der Unternehmen zwischen Trumps Zollhammer und dem China-Schock ist ohnehin bedrohlich. Im Wochenrhythmus kündigen namhafte Firmen den Abbau von Stellen an, es geht um die Existenzen zehntausender Familien. Eine Lockerung der Fessel ist deshalb überfällig.
Die Europäische Union stirbt gemeinhin lieber in der Schönheit detailliertester Vorschriften, als gangbare Bedingungen für die eigenen Unternehmen zu definieren. Doch der Preis ist zu hoch. Das Aus für das Verbrenner-Aus erlaubt den Autokonzernen und den Zulieferern über 2035 hinaus, Geld mit Benzinern und Dieseln zu verdienen. Diese Modelle bringen den Profit, den die Unternehmen brauchen, um die Investitionen für den Umstieg auf Elektro und selbstfahrende Autos zu finanzieren. Hierfür sind Milliardeninvestitionen notwendig, die nicht vom Himmel fallen.
Die Autokäufer entscheiden sich weiterhin in der Mehrzahl für die bewährten Motoren. Auch das ist eine Form der Demokratie, die Brüssel zur Kenntnis nehmen sollte. Auf mittlere Sicht gehört dem E-Auto die Zukunft, weil die Reichweite der Batterien höher und das Ladenetz dichter wird. Die Fahrtrichtung geht also ohnehin zu klimafreundlich. Warum aber in einer Übergangszeit nicht mehrere Antriebsarten zulassen, um auf den Weltmärkten ein breites Angebot machen zu können? Woanders werden Verbrenner nicht verboten. Klimaschutz und wirtschaftlicher Erfolg müssen zusammenfallen. Immerhin will die EU-Kommission das Verbrenner-Aus aufweichen. Ihr erster Vorschlag geriet typisch europäisch: Kompliziert und für die Praxis untauglich. Europa hat seine Lektion noch nicht gelernt.
Contra
Der Rückstand bei der E-Mobilität darf nicht noch größer werden
Die zumindest zeitweilige Abkehr der EU vom Verbrenner-Aus ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Klimapolitisch ist der Schaden eher überschaubar und besteht in dem Signal, dass wirtschaftliche Interessen im Zweifel schwerer wiegen als der Erhalt einer lebenswerten Welt für künftige Generationen. Ein paar Fahrzeuge mehr mit Verbrennungsmotor mögen den Klimawandel zwar nur wenig beschleunigen. Doch das Vertrauen in eine diesbezüglich verlässliche Politik schwindet.
Wirtschaftlich entsteht womöglich ein viel größerer Schaden auf mehreren Ebenen. Unternehmen und Verbraucher wollen einen rechtlichen Rahmen, mit dem sie planen können. Ändern sich die Bedingungen, werden Investitionen in Frage gestellt, verschoben oder gar unterlassen. So muss die Autoindustrie nicht mit Vollgas Kurs auf die Ära Elektromobilität nehmen. Vielmehr gibt es nun einen Anreiz, noch möglichst lange auf die noch margenträchtigen Verbrenner zu setzen. Und Verbraucher müssen weiter auf bezahlbare und leistungsfähige E-Mobile nebst einer ausreichenden Infrastruktur für deren Betrieb warten.
Der Rückstand der hiesigen Hersteller bei der E-Mobilität kann sich noch vergrößern, wenn nicht alle Kräfte in eine Aufholjagd gesteckt werden. So wird aus dem vermeintlichen Zeitgewinn schnell ein Zeitverlust. Die großen Zukunftsmärkte für Automobile setzen längst auf elektrische Antriebe, vor allem China. Die deutsche Autoindustrie braucht konkurrenzfähige Modelle für die Nachfrage dort, wenn sie langfristig mithalten will. Denn am Ende entscheidet der Markt über den Erfolg.
Die Geschichte lehrt, dass es nicht lohnt, an überkommenen Technologien festzuhalten. Sonst gäbe es immer noch Pferdefuhrwerke und dampfbetriebene Autos. Nur Innovationen und Wettbewerbsfähigkeit können die wichtigste deutsche Industriesparte in die Zukunft retten.
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