Gesichter des Fußballs : Vom Glück des Kickens, Pfeifens und Wertevermittelns
Ein Nachwuchsspieler, ein Trainer und eine Schiedsrichterin über große Aufgaben, geplatzte Träume und die schönste Nebensache der Welt.
Inhalt
Seit Kindesbeinen spielt Fußball in ihrem Leben die Hauptrolle: Hier erzählen Union-U19-Spieler Olufemi Adesiyan, Frauenfußball-Trainer Darrien Hoffmann und die DFB-Schiedsrichterin des Jahres 2024, Fabienne Michel, was sie an ihrem Job lieben, was sie fordert und was ihnen wichtig ist.
Olufemi Adesiyan: An der Tür zur Erfüllung des Traums vom Profifußball
Ich kann mich noch an mein erstes Tor in einem richtigen Spiel erinnern. Sechs war ich - ich bekam den Ball zugepasst und löffelte ihn mit der Innenseite über mehrere Spieler und den Torwart hinweg ins Netz. Klar, seitdem wollte ich Profi werden, ich weiß sogar noch, welche Schuhe ich damals beim Tor trug: weiß-blaue Hypervenoms mit einem Totenkopf auf der rechten Innenseite. Viele wollten damals Profis werden. Heute bin ich ziemlich nah dran.
Seit Juli 2022 kicke ich beim Bundesligisten Union Berlin, ich startete damals als 14-Jähriger in der C-Jugend. Nun bin ich 17, habe einen Fördervertrag und spiele in der U19, durfte schon mal mit den Profis trainieren. Ich klopfe also an der Tür zur Erfüllung meines Traums.
In einem Fußballverein war ich schon mit vier Jahren. Mein Papa ist Fußballfan und gründete mit einem anderen Vater ein Team für die ganz Kleinen; wir spielten auf einer Wiese neben dem Kunstrasenplatz des NFC Rot-Weiss Berlin.
Von Anfang an war ich ehrgeizig, wollte gewinnen. Ich bin schon etwas stur: Wenn ich mir etwas in den Kopf setze, bleibe ich dran. Zunächst spielte ich auf allen möglichen Positionen und setzte mich von Jahrgang zu Jahrgang durch, bis ich in die Bezirksauswahl kam - das ist eine Mannschaft, die vom DFB gefördert wurde. Von dort kam ich in die Landesauswahl Berlin und dann zu Union. Man hatte mich gescoutet und zu einem Probetraining eingeladen. Erst da fand ich meine Idealposition im defensiven Mittelfeld.
“Saxophon spielen, in den Urlaub fahren - für den Fußball musste ich auf einiges verzichten”
Auf dem Weg dorthin musste ich auf einiges verzichten. Mit dem Saxophonunterricht hörte ich auf, weil es zeitlich zu viel wurde. Auch in den Familienurlaub konnte ich oft nicht mitfahren, weil die Saison im Juli beginnt. Das Abi machte ich, das war auch meinen Eltern wichtig. Wenn ich nach einem Schultag und nach dem Training daheim ankam und dann noch Hausaufgaben zu machen hatte, war das natürlich schwer. Aber ich habe gelernt, die Dinge nicht so an mich heranzulassen und einfach zu machen. Mein Abitur bestand ich mit der Note 0,8. Wenn es mit dem Profifußball nicht klappt, werde ich Medizin oder Psychologie studieren. Sportpsychologie interessiert mich besonders. Vielleicht wird es aber was ganz anderes. Sicher bin ich mir noch nicht.
„Ich werde versuchen, die Balance zu halten - bodenständig zu bleiben und dennoch frech genug.“
Eigentlich ist Fußball banal, aber er ist magisch. Man kann wunderbar seine Emotionen rauslassen, als Spieler und als Fan. Daher ist die Rolle dieses Sports nicht zu unterschätzen: Menschen finden zueinander, feiern und leiden miteinander. Fußball schafft die Möglichkeit zur Identifikation etwa mit einem Verein oder mit der Nationalmannschaft - was viel besser ist als sich anderes auszusuchen wie zum Beispiel fanatischen Nationalismus. Fußball weckt positive Emotionen. Und er hat auch eine wichtige Ventilfunktion. Da wird was rausgelassen.
Ich hoffe, dass ich auf dem Weg zum Berufsfußball nicht den Spaß verliere. Es wird immer ernster, was kein Wunder ist: Viel Geld ist damit verbunden. Ich werde versuchen, die Balance zu halten - bodenständig zu bleiben und dennoch frech genug, um einen Platz im Team zu holen. Ich hoffe auch, dass die Fans weiter viel zu sagen haben. Dafür würde ich in Kauf nehmen, dass der Fußball im internationalen Vergleich an Qualität einbüßt, weil er weniger Geld einnimmt.
Darrien Hoffmann: Trainer, Motivator - und manchmal Psychologe
Fußball ist die schönste Nebensache der Welt. Für mich ist er zwar Beruf, und den mache ich kaum nebenbei. Aber als Trainer vermittle ich meinen Spielerinnen nicht nur, wie man das Spiel diktiert und die gegnerische Mannschaft dazu zwingt, dass sie macht, was wir wollen - als Trainer bin ich auch Motivator, vermittle Werte wie Zusammenhalt, Teamkultur und Empathie. Ich bin Unterstützer. Und manchmal auch ein bisschen Psychologe.
“Verbundenheit schaffen, an Technik feilen, anleiten - das liegt mir"
In die Trainerrolle bin ich reingerutscht. Ich spielte Fußball seit meinem sechsten Lebensjahr, durchlief in meinem Verein Rotation Prenzlauer Berg alle Jugendmannschaften bis einschließlich der Herren. Ich fand es immer cool, in einem Team zu sein, das auch eine Freundesclique war. Eben eine eingeschworene Gruppe, die neben der Schule viel Zeit miteinander verbringt, an sich arbeitet, gewinnen will und verlieren können muss. Als unsere damaligen Trainer plötzlich gehen mussten, habe ich als Spieler diese Aufgabe übernommen und gemerkt, dass es mir liegt: Verbundenheit schaffen, an Technik feilen, anleiten.
Irgendwann übernahm ich drei Jahre lang die Leitung der ersten Herren, bis mich ein anderer Verein anfragte; bis zum Winter 2025 war ich bei FC Viktoria 1889 Berlin Co-Trainer der ersten Frauenmannschaft in der 2. Bundesliga - nun arbeite ich als Cheftrainer des zweiten Frauenteams und Leiter der weiblichen Nachwuchsabteilung. Ich bin 30 Jahre alt.
Die Arbeit im Frauenbereich fasziniert mich, weil sie einen anderen Fokus auf die gleiche Sache legt. Jungs spielen nämlich zuweilen losgelöster, am liebsten einfach drauf los. Mädels denken beim Fußball mehr über gewisse Fragen nach, etwa zu bestimmten Abläufen. Und bei ihnen gibt es einen sehr starken Zusammenhalt, der schwer zu erschüttern ist.
“Fußball ist die schönste Nebensache der Welt - ich wollte sie zu meinem Beruf machen”
Durch meine Trainerarbeit seit meinen Teenagerjahren merkte ich, dass ich diese "Nebensache" gern zu meinem Beruf machen würde. Ich studierte angewandte Sportwissenschaften. Mir war auch früh klar, dass ich nicht den Weg hin zum Profispieler versuchen werde; einerseits fehlte mir das technische Niveau und andererseits war ich verletzungsanfällig. Denn man muss viel opfern. Eine simple Verletzung kann ausreichen, und du fliegst aus der Mannschaft; solch ein Traum ist schnell ausgeträumt. Laut Statistik schaffen es weniger als ein Prozent aller Nachwuchsspieler in den Leistungszentren in den Profistatus.
„Als Trainer vermittle ich Werte wie Zusammenhalt und Empathie.“
Fußball hat gesellschaftlichen Einfluss - die Frage ist nur, wie man ihn nutzt. Er ist eine Anlaufstelle für Menschen, um sich in einer Gemeinschaft wohlzufühlen. Schattenseite sind Hooligans, die andere Vereine gar nicht akzeptieren. Fußball hat das Potenzial, Konflikte zu lösen. Aber er kann auch zerstören. Daher möchte ich vorleben, dass es Dinge gibt, die wichtiger als Fußball sind. Dann setzt Fußball die positiven Kräfte der Solidarität frei.
Das heißt aber nicht, dass ich Fußball nicht ernst nehme. Meine Spielerinnen wollen Profis werden. Sie investieren viel Zeit, trainieren viermal in der Woche. Ich nehme jedes Training und jedes Spiel per Video auf, analysiere die Szenen und feile daran, was verbessert werden kann. Doch im Zentrum sollen der Spaß und die Menschlichkeit stehen.
Fabienne Michel: Stolz darauf, Schiedsrichterin des Jahres zu sein
Als ich mit 13 Jahren gefragt wurde, ob ich auch mal ein Fußballspiel pfeifen möchte, war meine erste Reaktion: Warum nicht? Ich liebte ja den Fußball seit meiner Kindheit, spielte beim TSV Gau-Odernheim und dachte mir, dass ich das dann auch mal mache. Schnell merkte ich aber, dass diese Aufgabe nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist.
“Ich muss die Augen überall haben und schnelle Entscheidungen treffen"
Als Schiedsrichterin sieht man das Spiel aus einer anderen Perspektive. Ich muss das ganze Spielfeld im Blick und die Augen überall haben und schnelle Entscheidungen in kurzer Zeit treffen - eine riesige Herausforderung, die mich von Beginn an faszinierte. Es braucht nicht nur Spielverständnis und Fitness, sondern auch Verantwortungsgefühl, Disziplin und Durchsetzungsvermögen. Es hilft zudem, ein Match lesen und Spielzüge vorausahnen zu können. Mit der Zeit habe ich das alles gelernt.
In den Folgejahren wurde die zeitliche Belastung so groß, dass ich als Spielerin - ich war auf der Außenbahn oder auf der Sechs - aufhörte und mich ganz aufs Pfeifen konzentrierte. Mittlerweile bin ich 31, pfeife in der 3. Liga der Männer und in der Champions League der Frauen. 2024 wurde ich zur DFB-Schiedsrichterin des Jahres gewählt. Eine Auszeichnung, die mich nach wie vor sehr stolz macht.
Mit der Aufgabe der Schiedsrichterin, das Spielgeschehen neutral zu betrachten, wächst die Teamfähigkeit - nicht nur durch die Arbeit im Schiri-Gespann, sondern weil ich eben für alles um mich herum Antennen haben muss; letztendlich führe ich nicht nur Spielerinnen oder Spieler, sondern auch Trainerinnen und Trainer - das ganze Stadion.
„Letztendlich führe ich Spielerinnen, Trainerinnen und Trainer - das ganze Stadion.“
Als Schiedsrichterin werde ich wie die Spielerinnen oder Spieler von den Werten geprägt, die der Fußball vorlebt. Das beginnt schon in den Vereinen der unteren Ligen, wo Herkunft oder soziale Schicht keine Rolle spielen - entscheidend sind Respekt und Fairness. Diese Faktoren trägt der Fußball in die Gesellschaft hinein, und das macht ihn so wichtig. Aus diesem Grund halte ich es auch für notwendig, das Ehrenamt zu fördern. Menschen, die sich einbringen, halten unsere Gemeinschaft zusammen.
“Vor allem im Amateurbereich werden die bestehenden Kapazitäten dem Bedarf nicht gerecht”
Und es braucht Investitionen in die Infrastruktur, in Plätze und Kabinen - ich erlebe immer wieder, dass die bestehenden Kapazitäten dem Bedarf nicht gerecht werden. Damit meine ich vor allem den Amateurbereich, die vielen Sportstätten von Dorf zu Dorf. Fußball hat eine Strahlkraft nach außen und eben auch nach innen: 2029 findet die Europameisterschaft der Frauen in Deutschland statt, und solch ein Turnier stärkt auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt, kann Energien freisetzen, ein positives Denken. Davon profitiert auch die Politik.
Diese hat meiner Meinung nach aber nicht nur eine fördernde Funktion. Politik muss auch die Sicherheit im Blick behalten. Fans gehören zum Fußball immer dazu, sie machen ein Spiel besonders. Aber auch Familien müssen sich im Stadion willkommen fühlen. Welche Maßnahmen für ein friedvolles Match auch notwendig sind, darüber sollte es einen Austausch aller Beteiligten geben, auch der Fans. Wenn wir miteinander reden, wird es sicher Lösungen geben.
Vor der Weltmeisterschaft in Kanada, den USA und Mexiko wächst die Vorfreude, aber auch die Kritik an dem Megaevent. Dabei steht der Fußball nun mal für das Leben.
Die Fangemeinde des Frauenfußballs wächst kontinuierlich. Warum das so ist, zeigt ein Besuch beim Bundesligaspiel 1. FC Union Berlin gegen Bayer 04 Leverkusen.
Ökonomen fordern eine Reform der Regel, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch die Fans befürchten dadurch eine externe Übernahme ihrer Vereine.