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Reservisten in der Bundeswehr : Mehr Interessenten als Kapazitäten

Aus Sicht des Reservistenverbandes ist das Programm "Ausbildung Ungedienter" ein Erfolg und zukunftsfähig. Dennoch ist unklar, wie es damit weitergeht.

26.08.2025
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5 Min

Stephan Sommer gehört zu den Jahrgängen, die keinen Wehrdienst mehr leisten mussten. 2011 setzte die damalige Bundesregierung die Wehrpflicht aus. Eigentlich brauchte sich der 30-Jährige aus Duisburg nicht mit der Frage zu beschäftigen, ob er einen Dienst in Uniform absolviert oder nicht. Stephan Sommer hat sich trotzdem dazu entschieden. Er möchte als Quereinsteiger Teil der Reserve der Bundeswehr werden und bewarb sich im April dieses Jahres für die Ausbildung zum Soldaten der Reserve beim Heimatschutzregiment 2 in Münster. Doch Sommer muss sich gedulden.

Es ist zurzeit unklar, wie es mit der Ausbildung Ungedienter weitergeht. So wie Stephan Sommer hängen sprichwörtlich Tausende motivierte Frauen und Männer in der Luft. Droht die Bundeswehr, sie für die Reserve zu verlieren?

Foto: Archiv Reservistenverband/Ralph Erlmeier

Rekruten in der „Ausbildung Ungedienter“ üben das Schießen mit der Pistole.

"Die politische Lage hat sich verschärft. Wenn es zum Krieg kommen sollte, würde ich mich verteidigen", sagt Stephan Sommer zu seiner Motivation, warum er sich für die "Ausbildung Ungedienter" beworben hat. Das Programm geht auf eine Initiative des Reservistenverbandes zurück. Der Verband führte 2018 zusammen mit der Bundeswehr diese Ausbildung als Pilotprojekt durch. 

In den folgenden Jahren übernahmen die Landeskommandos Bayern, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen das Konzept. So konnte die Bundeswehr regional mit Unterstützung des Reservistenverbandes Quereinsteiger für die Reserve gewinnen. Oberst d.R. Joachim Fallert, Vorsitzender der Landesgruppe Baden-Württemberg, bezeichnet die Ausbildung Ungedienter als Erfolgsmodell: "Das Interesse ist seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine enorm gestiegen."

Tatsächlich verzeichnete das Heimatschutzregiment 3 in Nienburg im Frühjahr 3.000 Bewerbungen für die Ausbildung Ungedienter. Bundesweit stehen in diesem Jahr aber nur 600 bis 800 Plätze zur Verfügung. Für das kommende Jahr haben bereits 1.000 Bewerber ihr Interesse beim Heimatschutzregiment 3 in Niedersachsen bekundet.

Skeptische Haltung des Heeres hat mehrere Gründe

Eine Ausweitung der Ausbildungskapazitäten wäre nur folgerichtig, wenn man einen Blick auf die künftig notwendige Personalstärke der Streitkräfte wendet. Das Verteidigungsministerium rechnet bis zum Jahr 2035 mit einem Bedarf von 260.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten. Zusätzlich hinzu kommen sollen 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Aktuell sind etwas mehr als 51.000 Reservisten "beordert" (eingeplant). Die Bundeswehr will künftig 15.000 freiwillig Wehrdienstleistende ausbilden. Allerdings hat zuletzt fast jeder vierte Rekrut seinen Wehrdienst abgebrochen. Hält dieser Trend an, ist absehbar: Mit dem "Neuen Wehrdienst" (freiwillig) und der Grundbeorderung von ausscheidenden Soldaten wird das Personalziel nicht zu erreichen sein.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Bundeswehr Tausenden von motivierten Bewerbern für die Reserve die kalte Schulter zeigt. "Mit entsprechender Werbung und Ausbildungsunterstützung wäre die Ausbildung von bis zu 5.000 Bürgern für den Heimatschutz im Jahr möglich", sagt hingegen Oberst d.R. Joachim Fallert.

Im Heer winken die zuständigen Offiziere ab. Seit April dieses Jahres sind die Heimatschutzregimenter mit ihren Kompanien dem Heer unterstellt, das eine Heimatschutzdivision aufstellt. Auf die Ausbildung Ungedienter wollen die Verantwortlichen dabei aber nicht setzen.

Die ersten Heimatschutzregimenter waren auf Quereinsteiger angewiesen

Das hat mehrere Gründe. Beim Aufbau der ersten Heimatschutzregimenter war die Bundeswehr auf Quereinsteiger in die Reserve angewiesen, weil noch nicht genügend grundbeorderte Reservistinnen und Reservisten auf die Dienstposten im Heimatschutz verteilt werden konnten. Dies änderte sich mit der Unterstellung der Heimatschutzkräfte unter das Dach des Heeres. Der Heimatschutz bekommt nun regelmäßig Personal durch Wehrdienstleistende, die dort ihre Grund- und Spezialausbildung leisten, und durch grundbeorderte Reservisten. Das Heer konzentriert sich nun auf die Ausbildung dieser Wehrdienstleistenden.

Hinzu kommt, dass die Rekruten der Ausbildung Ungedienter im Vergleich zu den freiwillig Wehrdienstleistenden viel geringer qualifiziert sind. Sie scheiden als "Soldat Streitkräfte" aus und müssten aufwändig nachgeschult werden. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass sich die Bundeswehr ohnehin schon anstrengen muss, um Kapazitäten für die avisierten 15.000 Freiwilligen vorhalten zu können. An die Weiterbildung von ungenügend qualifizierten Quereinsteigern sei nicht zu denken.

Reservisten können theoretisch bis zum 65. Lebensjahr Dienst in Uniform leisten

Skeptiker schreiben die Ausbildung Ungedienter noch aus einem anderen Grund ab: eine mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht. In diesem Fall ergäbe eine Wochenend-Ausbildung für Quereinsteiger keinen Sinn mehr, weil dann die Kapazitäten erst recht für die Wehrpflichtigen benötigt werden würden.

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Aus der Sicht des Reservistenverbandes ist dies allerdings zu kurz gedacht. Reservisten können bis zum 65. Lebensjahr theoretisch Dienst in Uniform leisten. Derzeit unterliegen ungefähr 900.000 Reservisten der Wehrüberwachung. Das heißt, sie könnten in einem Spannungs- oder Verteidigungsfall herangezogen werden. Ein Berufstätiger, der 40 Jahre alt ist und vor 20 Jahren seinen Wehrdienst geleistet hat, würde genau in diese Kategorie fallen und könnte im Verteidigungsfall zum Wehrdienst verpflichtet werden. Wer 20 Jahre oder länger aus den Streitkräften raus ist, müsste dann im Ernstfall ähnlich neu qualifiziert werden wie Quereinsteiger. Die territoriale Verteidigung der Bundeswehr benötigt daher eine Struktur, in der auf ein einfaches Mindestniveau ausgebildete Infanteristen eine Heimat finden können, damit diese den Aufwuchs und Feldersatz über einen langen Zeitraum schrittweise sicherstellen können.

Reservistenverband hat einige Vorschläge in der Schublade

Wie könnte so eine Struktur aussehen? Denkbar wären Geräteeinheiten der Bundeswehr, mit denen der Reservistenverband im Rahmen der beorderungsunabhängigen Reservistenarbeit zusammenarbeiten könnte. Diese Leute können mit Unterstützung des Reservistenverbandes so weiterqualifiziert werden, dass der Übergang in den Heimatschutz oder andere Ergänzungstruppenteile des Heeres gewährleistet ist.


„Es ist nachvollziehbar, dass die Bundeswehr im Moment zu wenig Material und Ausbildungsplätze hat.“
Stephan Sommer

Dazu muss erst einmal feststehen, wie es mit der Ausbildung Ungedienter weitergehen soll. Mit dieser Frage beschäftigt sich nun das Kompetenzzentrum für Reservistenangelegenheiten der Bundeswehr. Aus der Sicht des Reservistenverbandes sollte das Programm weiter modularisiert und ausgebaut werden. Möglich wäre, genügend Ausbildungswochenenden auf zwei Jahre zu verteilen, um das notwendige Mindestausbildungsniveau zu erreichen.

Dabei könnte der Reservistenverband mit Inhalten aus der Militärischen Ausbildung, mit Angeboten der Online-Ausbildung (Digitale Ausbildung Reserve), mit Dienstleistungspaketen zu den Themen Erste Hilfe, Taktik und Gefechtsstandausbildung unterstützen. Schon jetzt geht der Verband verstärkt auf die Heimatschutzkompanien sowie Ergänzungstruppenteile zu, um Ausbildungsunterstützung zu leisten.

"Es ist nachvollziehbar, dass die Bundeswehr im Moment zu wenig Material und Ausbildungsplätze hat", sagt Stephan Sommer. Zwar sei es frustrierend, dass er in seiner Motivation gebremst werde. Warten möchte er trotzdem und engagiert sich erst einmal ehrenamtlich im Reservistenverband.

Der Autor ist Redakteur bei "Die Reserve" und ".loyal - das Magazin für Sicherheitspolitik".

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