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Die getarnte Superwaffe : Kultur als umkämpftes Politikfeld

Der Autor und ehemalige Leiter mehrerer Goethe-Institute Christoph Bartmann beschreibt, wie rechte Bewegungen Einfluss auf kulturelle Einrichtungen gewinnen wollen.

13.03.2026
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3 Min

Hans-Thomas Tillschneider, AfD-Abgeordneter im Magdeburger Landtag, wünscht sich für Sachsen-Anhalt ein kulturpolitisches Rollback. Das international renommierte Bauhaus Dessau bezeichnete er anlässlich des hundertjährigen Jubiläums seiner Gründung als "Irrweg der Moderne". 

Die Landeszentrale für politische Bildung möchte er in ein "Landesinstitut für kulturelle Identität" umwandeln. Und unter dem Hashtag "#deutschdenken" schlägt er vor, einen "Stolzpass" einzuführen: Besuche von Gedenkstätten, wo Schulklassen das Grauen der NS-Zeit und des Holocaust vermittelt wird, will Tillschneider durch Besichtigungen von positivem deutschen Kulturerbe ersetzen.

Foto: picture alliance / dts-Agentur

Der Kampf gegen den Rundfunkbeitrag zur Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - wie hier 2024 im Wahlkampf zur Landtagwahl in Brandenburg - gehört seit vielen Jahren zum Repertoire der Kultur- und Medienpolitik der AfD.

Der rechte Populismus, ob in Europa oder Amerika, stört sich an dem angeblich zu links tickenden Zeitgeist. Er wendet sich gegen dessen individualistische, kosmopolitische und universalistische Orientierungen. Wenn es um die Veränderung der Gesellschaft geht, sind Museen, Theater oder Bibliotheken nicht unbedingt die naheliegendsten Orte. Christoph Bartmann sieht das anders: Er betrachtet die Kultur als zentralen "Kampfplatz", auf dem rechte Akteure ihre anti-modernen, völkischen und homophoben Ideen verbreiten.

Kulturelle Hegemonie als Voraussetzung für Mehrheiten

Der Hamburger Germanist und Historiker war als Leiter von Goethe-Instituten in Kopenhagen, New York und Warschau tätig. Auf der Basis langjähriger Erfahrungen vergleicht er in seinem Buch "Attacke von rechts" die deutsche Situation mit der in Dänemark, Österreich, Polen und den USA.


„Die Superwaffe, schlau wie ein Tarnkappenbomber, heißt Kultur.“
Christoph Bartmann

Theoretischer Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist dabei Antonio Gramsci - und dessen Begriff der kulturellen Hegemonie. Wer in Debatten die Deutungshoheit erringen wolle, muss dem italienischen Philosophen zufolge in Bildungs - und Kultureinrichtungen eine führende Rolle einnehmen, die Zivilgesellschaft und ihre Institutionen für sich gewinnen. Dies sei eine notwendige Voraussetzung für spätere Mehrheiten in den Parlamenten.

"Wenn heute in rechten Diskursen von ,Kulturmarxismus' die Rede ist, dann ist die kulturelle Vormacht gemeint, die Gramsci gedanklich entwickelt hat", fasst der Autor zusammen. Die Rechte versuche sozusagen, die Linke mit ihren eigenen Methoden zu schlagen. In kriegerischer Sprache spitzt er zu: "Die Superwaffe, schlau wie ein Tarnkappenbomber, heißt Kultur."

Kohls Aufrufe zur “geistig-moralischen Wende” sind ergebnislos verpufft

Bartmann bezweifelt, dass es die von rechts behauptete linke Hegemonie überhaupt flächendeckend gibt. "Sind etwa in Bayern die Eliten allen Ernstes je links gewesen?" Wichtige kulturelle Protagonisten im Freistaat, von Polt bis Fassbinder, von Achternbusch bis Oskar Maria Graf seien jedoch zweifelsfrei dem linken Spektrum zuzuordnen. 

Man könne also Meinungsführer sein ohne zu regieren. Und genau dies war das "große Ärgernis" für Helmut Kohl, Franz-Josef Strauß, Alfred Dregger und andere Konservative ihrer Zeit. Links, so Bartmann, machte man damals einfach die bessere Kulturpolitik, war hoch effektiv beim Schaffen und Verfestigen von Überzeugungen. Kohls Aufrufe zur geistig-moralischen Wende in den 1980er Jahren seien daher "ergebnislos verpufft". Unter Angela Merkel passten sich die Christdemokraten dem Zeitgeist "nach 1968" schleichend an.


Christoph Bartmann:
Attacke von rechts.
Der neue Kampf um die Kultur.
Hanser,
München 2026;
176 S., 18,00 €


Zum neuen Heimathafen des konservativen Grolls wurde die AfD. Politiker wie Tillschneider, so Bartmann, seien nur die Vorreiter eines "immer aggressiveren Feldzugs gegen alles, was nach rechtsextremer Auffassung der Säuberung bedarf". In dieses kämpferische Muster passt der in Ostdeutschland besonders ausgeprägte Widerstand gegen die "Zwangsgebühren" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Die AfD verstehe nicht viel von Kulturpolitik, meint der Autor, aber sie nehme "das Ressort ernst". Das sei alarmierend, weil andere Parteien kaum mehr Interesse zeigen als unbedingt nötig. Politisch Verantwortliche griffen gern "auf bewährte Textbausteine zurück", typisch seien die kurzen Passagen zum Thema im jüngsten schwarz-roten Koalitionsvertrag: Außer Floskeln wie "Kunst und Kultur sind frei" oder "Fördern ist eine öffentliche Aufgabe" habe dieser wenig anzubieten.

Rechtspopulisten führen eine Offensive gegen die plurale und freie Gesellschaft

Während in Regierungsverlautbarungen Kulturpolitik randständig bleibt, beobachtet Bartmann im rechtspopulistische Lager Aufbruchstimmung - "oder sollte man sagen Abbruchstimmung?" In Deutschland wie anderswo wollen rechte "Neogramscianer" die Köpfe erobern und das Geistesleben beherrschen. Das sei kein Geplänkel um Begriffe oder nur polemisches Sperrfeuer, resümiert der Autor. Es handele sich um "eine größer angelegte Offensive", die die plurale und freie Gesellschaft gefährde.

Schriften "gegen rechts" gibt es mittlerweile im schon fast langweilenden Überfluss. Das Buch von Christoph Bartmann fällt aus dem Rahmen, weil es nicht um Reizthemen wie Migration oder Gender kreist, sondern das eher unterbelichtete Feld der Kultur in den Blick nimmt.

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