Schicksalshafte Entscheidungen : Momente der finsteren Motive und des üblen Denkens
Der Österreicher Armin Thurnher wandelt pessimistisch gestimmt auf den Spuren Stefan Zweigs und präsentiert seine "Unsternstunden der Menschheit".
Entscheidet sich das Schicksal von Völkern, gar der Menschheit in einem kurzen Augenblick für kommende Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte? Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig zumindest erkannte jene "schicksalsträchtigen Stunden, in denen eine zeitüberdauernde Entscheidung auf ein einziges Datum, eine einzige Stunde und oft nur eine Minute zusammengedrängt ist" und widmete ihnen seine "Sternstunden der Menschheit".
Gegen die Politik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump regt sich zunehmend Protest, wie hier auf einer Demonstration in Berlin im Februar.
Zweigs nachgeborener Landsmann Armin Thurnher wandelt nun auf dessen Spuren - dies allerdings in einer äußerst pessimistischen Stimmung. Wo Zweig "Sternstunden" beschrieb, die "die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen", sind Thurnhers "Unsternstunden der Menschheit" jene Momente, "da finstere Motive, übles Denken beginnen, wirksam zu werden". Gleich 30 solcher "Unsternstunden" hat der Journalist und Publizist identifiziert seit 1945, denen er seine mal scharfzüngigen, mal nachdenklichen, mal analytischen Betrachtungen widmet.
Kluge Maschinen, dumme Menschen
Der allgemeinen Beobachtungen folgend, dass Krisen in der jüngsten Vergangenheit gehäuft auftreten, entfallen zwei Drittel seiner Beiträge auf die Zeit seit der Jahrtausendwende, beginnend mit dem Austritt der ungarischen Fidesz-Partei aus der Liberalen Internationalen. Seit diesem Zeitpunkt habe Viktor Orban sein Konzept der "illiberalen Demokratie" vorangetrieben.
Der letzte Beitrag widmet sich dem Beginn der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump, dem "Virtuosen seiner eigenen digitalen Desinformationswelt". Damit ist ein großer Teil des Themenkomplexes abgesteckt, den Thurnher umtreibt: die Krise der liberalen Demokratien und der Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte, befördert durch die digitale Social-Media-Welt. "Während die Maschinen klüger werden, verdummen die Menschen." Und so stehen natürlich auch mehrfach die Apologeten des Tech-Zeitalters wie Elon Musk, Peter Thiel oder Mark Zuckerberg im Fokus.
Armin Thurnher:
Unsternstunden der Menschheit.
Wie die Welt unerträglich wurde.
Zsolany,
Wien 2026;
304 S., 27,00 €
Daneben finden sich aber auch die einschneidenden Ereignisse, die wohl die meisten Leser erwarten: Die Terror-Attacke der Hamas auf Israel, Russlands Krieg gegen die Ukraine, der Sturm auf das Kapitol in Washington, die Corona-Pandemie, die Flüchtlingskrise oder der Terror von 9/11.
Und dann ist da selbstredend noch Österreich. Schon lange bedränge ihn die Frage, "wie plötzlich private Korruption an maßgeblicher Stellen sichtbar wurde, wo man bis dato nur Korruption für eine Partei oder Organisation gewohnt war", schreibt Thurnher. Die Lektüre lohnt aber auch für ein deutsches Publikum.
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