Kurz rezensiert : Vom "Großen Sprung" zur "Grand Strategy"
Wird China Taiwan einkreisen und besetzen? Andreas Fulda breitet in "Wenn China angreift" ein beunruhigendes fiktives Szenario aus.
Bis 2027 will China die militärischen Fähigkeiten für die Einnahme Taiwans entwickeln: So soll es der Staatspräsident und "Oberste Führer" der Volksrepublik, Xi Jinping, nach Angaben westlicher Geheimdienste der chinesischen Volksbefreiungsarmee aufgetragen haben. Damit ist nicht gesagt, dass eine Annexion des de facto unabhängigen, aber diplomatisch weithin nicht offiziell anerkannten Inselstaates beschlossene Sache sein wird. Xi beteuert offiziell, eine friedliche Vereinigung Taiwans und des chinesischen Festlands anzustreben.
Wie China in der Straße von Taiwan angreifen könnte und sich daraus geopolitische und wirtschaftliche Verwerfungen bis hin zum dritten Weltkrieg zwischen China und den USA entwickeln könnten, das hat Andreas Fulda in einem packenden fiktiven Szenario mit einiger Glaubwürdigkeit und hoher Plausibilität ausgebreitet.
Peking denkt in großen Zeiträumen
Der Politologe und Experte für die Beziehungen zwischen China und der EU will sein Buch als Weckruf verstanden wissen: Im Westen verkenne man häufig die Entschlossenheit der KPCh, die Vorherrschaft im indopazifischen Raum herzustellen. Peking denke in großen Zeiträumen, verfolge eine "Grand Strategy" - militärisch, wissenschaftlich, technologisch, wirtschaftlich. Die KP-Führung dürfte auch bereit sein, einen hohen Preis zu zahlen, schreibt Fulda und verweist auf den Millionen-Blutzoll von Maos "Großem Sprung nach vorn" und der Kulturrevolution in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Andreas Fulda:
Wenn China angreift.
Ein Szenario.
C.H.Beck,
München 2026;
155 Seiten, 18,00 €
Taiwan mag bis an die Zähne bewaffnet sein, gegen eine trickreich ins Werk gesetzte Seeblockade, wie sie im Buch skizziert wird, dürfte der Inselstaat allein nicht bestehen können.
Würden die USA und andere westliche Staaten zur Hilfe eilen? Daran bestehen berechtigte Zweifel. Fulda nimmt behäbige Mentalitäten wahr. Er beschreibt Spaltungen im transatlantischen Verhältnis ebenso wie innerhalb Europas, geht zudem mit einem in Russlands Krieg gegen die Ukraine längst widerlegten Glauben an einen irgendwie gearteten Wandel durch Handel und Verflechtung ins Gericht. Insbesondere für das exportorientierte und mit Chinas Wirtschaft eng verflochtene Deutschland wäre ein Krieg in Taiwan ökonomisch verheerend. Fulda rät hier dringend, Risiken und Abhängigkeiten bei kritischer Infrastruktur abzubauen, neue Absatzmärkte und Rohstoffzulieferer zu suchen.
Bestehen im Ringen mit China können westliche Staaten laut Fulda nur, wenn sie sich auf ihre eigene Stärkung besinnen: Das gelte nicht nur militärisch zur Abschreckung, sondern vor allem für die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung technologischer Überlegenheit.
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