Kurz rezensiert : Vom Verlust persönlicher Spielräume in der digitalen Moderne
Der Soziologe Hartmut Rosa sieht die situationsbedingte Entscheidungsfreiheit des Menschen im Zeitalter der Algorithmen bedroht.
Der Soziologe Hartmut Rosa hat sich einen Namen gemacht mit Themen im Grenzbereich zur Philosophie. Nach seinen Büchern "Resonanz" und "Beschleunigung" folgt nun "Situation und Konstellation" und damit erneut ein auf den ersten Blick wenig verkaufsfördernder Titel. Trotz komplizierter Labels ist Rosa aber nicht zufällig "Spiegel"-Bestsellerautor. Denn er erläutert anspruchsvolle Thesen stets mit anschaulichen Beispielen.
Bei vielen Spielern, Trainern und Fußballfans sind sie inzwischen unbeliebt - die Entscheidungen durch den Videoschiedsrichter (m.).
Das Buch steigt ein mit dem VAR, dem umstrittenen Videoschiedsrichter, der das Geschehen im Profifußball inzwischen wesentlich beeinflusst. Nicht mehr das Augenmaß des Referees auf dem Platz, sondern die Rechner im "Kölner Keller" entscheiden letztlich über Abseits oder Strafstoß.
Ähnlich geht es der Lehrerin, die angesichts detaillierter Leistungsvorgaben kaum noch Möglichkeiten sieht für die ermutigende Benotung eines lernschwachen Schülers mit Potenzial. Schwindende Chancen auf eigenständige, den konkreten Einzelfall berücksichtigende Urteile haben auch Polizisten oder Sachbearbeiterinnen im Jobcenter.
Formulare und Apps geben die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor
Rosas Kernanliegen ist die ausufernde und zu starre Regulierung im Zeitalter der Algorithmen. Eine wichtige Schattenseite der digitalen Moderne sieht er im Verlust persönlicher Spielräume. Nicht nur im Beruf, auch in der Freizeit geben Richtlinien, elektronische Formulare und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Abwägens tritt die konstellationsbasierte Logik der Maschinen. Nach dem binären Muster "Stimme zu, stimme nicht zu" werden aktiv Handelnde zu rein Vollziehenden. Das, so der Autor, führe zu Frustration und raube Energie.
Hartmut Rosa:
Situation und Konstellation.
Vom Verschwinden des Spielraums.
Suhrkamp,
Berlin 2026,
247 S., 25,00 €
Rosa ist kein Maschinenstürmer. Und orientiert an den Theorien Max Webers lobt er ausdrücklich die Errungenschaften einer für alle geltenden verrechtlichten Bürokratie, die zu mehr Transparenz und Gerechtigkeit geführt habe. Wenn aber das individuelle Ermessen komplett verschwindet, wachse das Gefühl der Ohnmacht.
Rosa plädiert dafür, die menschliche Handlungsfähigkeit "auf allen Ebenen der sozialen Existenz" zu stärken. Notwendig seien "Augenmaß und Fingerspitzengefühl". Das klingt plausibel, die angebotenen konkreten Umsetzungsschritte aber bleiben größtenteils diffus. Individuell wie auch gesellschaftlich wird es immer schwieriger, dem Einfluss der sich rasant entwickelnden Künstlichen Intelligenz etwas entgegenzusetzen. Die Stärke des Buches liegt eher in der anekdotischen unterfütterten Bestandsaufnahme und weniger im Aufzeigen von Lösungen.
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