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Ökonom Daniel Stähr im Interview : "Wir müssen die Dominanz des Faches hinter uns lassen"

Der Wirtschaftswissenschaftler kritisiert in seinem Buch "Die neuen Propheten" die Denkweisen seiner eigenen Disziplin und zeigt, bei welchen Themen sie versagen.

07.05.2026
True 2026-05-07T17:03:29.7200Z
4 Min

Herr Stähr, Ihr Buch trägt den zugespitzten Untertitel "Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen". Was genau kritisieren Sie?

Daniel Stähr: Die US-amerikanische Soziologin Elizabeth Popp Berman spricht von der "ökonomischen Art des Denkens". Sie meint damit eine besondere Art, gesellschaftliche Probleme zu betrachten. Zwei Annahmen stehen im Mittelpunkt der Wirtschaftswissenschaften: Zum einen, dass Märkte die beste Möglichkeit sind, um Ressourcen zu verteilen. Der zweite wichtige Aspekt ist, Interventionen daran zu messen, wie effizient sie sind. Effizienz als objektive Kenngröße anzusehen ist an sich schon ein Werturteil, genauso gut könnten politische Stabilität oder Gerechtigkeit entscheidende Kriterien sein. Popp Berman zeigt, wie die Suche nach effizienten Marktlösungen alle Bereiche durchdringt: die soziale Sicherung, den Klimaschutz oder die Gesundheitsversorgung. Diese Herangehensweise halte ich für zukunftsgefährdend.

Foto: Stefan Gelberg

In seinem Buch "Die neuen Propheten" kritisiert Daniel Stähr unter anderem den Umgang ökonomischer Theorien mit Rassismus und Klimawandel.

Sie beginnen ihr Buch mit Ayn Rand, einer russischstämmigen Autorin, die in den 1920er Jahren in die USA auswanderte. Die amerikanische Rechte beruft sich heute auf Rand, Politiker wie Donald Trump und Tech-Milliardäre wie Elon Musk zählen zu ihren begeisterten Lesern. Was ist der Kern der Randschen Ideologie?

Daniel Stähr: Rand attestiert dem Kapitalismus eine inhärente moralische Überlegenheit gegenüber anderen Wirtschaftssystemen. Ein radikaler Egoismus steht im Zentrum ihres Denkens. Ihre Thesen, die beinahe jede Form von staatlich organisierter Solidarität ablehnen, prägen heute das erschreckende Weltbild der Tech-Elite.

Sie bezeichnen den Wirtschaftsboom nach dem Zweiten Weltkrieg als sozialdemokratisches Zeitalter. In der Bundesrepublik aber fuhr damals die CDU/CSU Wahlsiege ein. Wie passt das zusammen?

Daniel Stähr: Damals regierten zwar die Christdemokraten, aber es waren sozialdemokratische Vorstellungen, die die Politik dominierten. Der Historiker Gary Gerstle argumentiert, dass die letzten 100 Jahre von zwei politischen Ordnungen dominiert waren. In den USA war das erst der New-Deal und seit den 1970er Jahren der Neoliberalismus. Eine politische Ordnung beschreibt eine Zeit, in der die Opposition demselben Zeitgeist folgt wie die Regierung. So war in den USA der Demokrat Bill Clinton der Präsident mit der stärksten neoliberalen Agenda, und hierzulande kürzte eine rotgrüne Regierung mit den Hartz-Gesetzen am Sozialstaat.


Daniel Stähr: 
Die neuen Propheten.
Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen.
S. Fischer, 
Frankfurt/M. 2026
336 S., 24,00 €


Als einflussreichste wirtschaftswissenschaftliche Institution in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts identifizieren Sie die Universität Chicago...

Daniel Stähr: Ja, deren Dominanz ging so weit, dass sie als "Mekka" und "Rom" für Ökonomen bezeichnet wurde. Insbesondere Milton Friedman fand mit seiner Vorstellung, dass nur Märkte die zentralen Probleme der Menschheit lösen könnten, Gehör bei einem Millionenpublikum. Sein Kollege Friedrich Hayek beriet nach dem Militärputsch in Chile gar eine autoritäre Diktatur. An seinem Beispiel sieht man: Demokratie war für strikt Neoliberale schon immer Verhandlungsmasse. Sie wird nur geduldet, solange sie die Vormacht des Kapitals über die Interessen der Arbeiterschaft sicherstellt.

Sie machen Ökonomen mitverantwortlich für die globale Finanzkrise 2008. Wieso?

Daniel Stähr: Die Neoklassik geht davon aus, dass man Märkte nur freigeben muss, um ihr Funktionieren zu garantieren. Die Effizienzhypothese des Chicagoer Ökonomen Eugene Fama besagt, dass alle verfügbaren Informationen bereits in den Finanzmärkten eingepreist sind und jede staatliche Intervention zu Verzerrungen führt. Auf Basis dieser Theorie hat Alan Greenspan, der von 1987 bis 2006 Vorsitzender der US-Zentralbank und ein enger Freund Ayn Rands war, trotz aller Warnzeichen die Deregulierung vorangetrieben. Wohin das geführt hat, haben wir dann 2008 erlebt: Die Wirtschaftswissenschaft war nicht nur unfähig, die Krise zu antizipieren, sie hat vielmehr ein System erschaffen, das sie ermöglicht hat.


„Der Versuch der Wirtschaftswissenschaften, Rassismus in ihre Modelle zu integrieren, zeugt von Ignoranz.“
Ökonom Daniel Stähr

Ein spannendes Kapitel Ihres Buchs trägt die Überschrift "Wer hat Milton Friedmans Abendessen gekocht?" Es geht um die Vernachlässigung der überwiegend von Frauen geleisteten Care-Arbeit...

Daniel Stähr: Einige der größten Ökonomen aller Zeiten, nicht nur Friedman, auch Adam Smith oder Alfred Marshall, von dem die heute berühmte Angebots-Nachfrage-Grafik stammt, waren in ihrem Leben auf unbezahlte weibliche Dienste angewiesen. Mal waren das Ehefrauen, mal Mütter, mal Cousinen. Diese Männer, die behauptet haben, zu verstehen, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert, waren nicht in der Lage, die Leistungen der Hälfte der Bevölkerung in ihren Theorien mitzudenken.

Ebenso fragwürdig, behaupten Sie, sei der Umgang mit den Themen Rassismus und Klimawandel.

Daniel Stähr: Der Versuch der Wirtschaftswissenschaften, Rassismus in ihre Modelle zu integrieren, zeugt von Ignoranz. Entweder wird Rassismus als persönliches Geschmacksurteil modelliert, das sich nicht groß von der Vorliebe für verschiedene Musikstile unterscheidet. Oder, und das ist noch perfider, er wird als rationales Verhalten interpretiert, etwa wenn Unternehmen Menschen mit arabisch klingenden Namen diskriminieren, weil diese vermeintlich weniger produktiv seien. Das Gleiche sieht man beim Thema Klima, wenn William Nordhaus, auf diesem Gebiet ein führender Ökonomen, behauptet, eine Erderwärmung um drei Grad Celsius bis 2100 wäre optimal für die Menschheit. In seiner Logik sind Gegenmaßnahmen einfach zu teuer. Die Beispiele zeigen, wie schnell ökonomische Theorien an Grenzen gelangen und wie abstrus ihre Empfehlungen werden, sobald Themen außerhalb ihrer unmittelbaren Expertise liegen. Wir müssen die Dominanz des Faches hinter uns lassen, sonst werden wir keine Chance haben, die globalen Herausforderungen der Zukunft zu lösen.

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