Ortstermin in Ungarn : Ein Land holt sich die Demokratie zurück
Zehn Bundestagsabgeordnete waren als Wahlbeobachter der OSZE bei der Parlamentswahl in Ungarn in Einsatz - und wurden Zeugen eines historischen Tages.
Viktor Orbán oder Péter Magyar? Fidesz oder Tisza? Abkehr von Europa oder Rückkehr in die Gemeinschaft? Die Wahl in Ungarn am Sonntag galt als Schicksalswahl, für Ungarn wie für die EU, als Richtungsentscheidung, gar als historische Weichenstellung. Die Spannung war den ganzen Tag über auch für die zehn Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu spüren, die als Wahlbeobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) den Urnengang verfolgten.
Volle Wahllokale: Noch nie sind so viele Ungarn zur Wahl gegangen wie am 12. April 2026.
Angeführt von Tobias Winkler (CSU), dem Leiter der deutschen Delegation in der Parlamentarischen Versammlung der OSZE, verfolgten sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus Europa den Ablauf der Wahl und die Auszählung der Stimmen. "Der Wahlkampf war schmutzig und nicht fair, doch der Wahltag selbst war außergewöhnlich perfekt organisiert", fasst Winkler seine Eindrücke zusammen. Für die Durchführung der Wahl vergibt der Mittelfranke eine "Eins mit Stern".
Vor allem aber hat ihn, der schon an vielen Beobachtermissionen teilgenommen hat und im Nordosten des Landes nahe der ukrainischen Grenze unterwegs war, die Atmosphäre beeindruckt. "Das war ein Tag der großen Emotionen und einer ansteckenden Begeisterung." Selbst in den abgelegensten Wahllokalen sei "ständig Betrieb" gewesen. "Die Menschen haben erkannt, wir können gemeinsam etwas bewirken, wenn wir unsere Stimme abgeben."
Hupende Autos, jubelnde Menschen- Budapest feiert das Wahlergebnis
Sichtlich beeindruckt vom Ablauf wie vom Ergebnis der Wahl ist auch der hessische Grünen-Abgeordnete Boris Mijatovic. "Ich habe ganz offensichtlich einem historischen Ereignis beiwohnen dürfen", sagt er. "Die Menschen haben daran geglaubt, dass ihre Stimme etwas zählt." Schon sehr früh am Tag habe sich abgezeichnet: “Hier passiert etwas, Demokratie wirkt.”
„Zehntausende haben gefeiert, als hätte Ungarn die Fußball-WM gewonnen.“
Fast wortgleich sagt auch der niedersächsische Christdemokrat Klaus Wiener, er habe ein "historisches Ereignis" miterleben können. Nach einem langen Tag, der um 5.30 Uhr mit dem Besuch des ersten Wahllokals begann und gegen 22.30 Uhr endete, zog er sich in sein Budapester Hotel zurück. Doch dann hörte er das Hupen der Autos und den Jubel der Menschen und ging noch einmal zwei Stunden durch die Stadt.
"Die Straßen und Brücken waren voller feiernder Menschen, es herrschte ein Gefühl der Befreiung, weil das Ergebnis so klar war und Orbán schon früh seine Niederlage eingestanden hat", berichtet er. “So muss es am 9. November 1989 auch in Berlin gewesen sein.”
Großer Andrang in den Wahllokalen, die Wahlbeteiligung lag bei 78 Prozent
"Zehntausende haben gefeiert, als hätte Ungarn die Fußball-WM gewonnen", erzählt Clara Bünger (Linke). Das Wahllokal, in dem die sächsische Abgeordnete mit einer Kollegin aus Österreich am Abend der Stimmauszählung beiwohnte, lag nur 200 Meter vom Ort der Wahlparty Magyars entfernt.
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So konnte sie den gefeierten Auftritt des Wahlsiegers miterleben. "Die Menschen umarmten sich, die Erleichterung war riesengroß."
Von einem "Festtag der Demokratie" spricht auch der schwäbische Sozialdemokrat Christoph Schmid, der im Westen des Landes insgesamt zwölf Wahllokale aufsuchte. Der Andrang sei groß gewesen, aber alles sei "unglaublich korrekt und diszipliniert" abgelaufen. "Es war erkennbar, dass den Menschen sehr wichtig war, ihre Stimme abzugeben."
Wahlbeobachter wurden freundlich und offen behandelt
Für ihre Arbeit hatten die insgesamt 389 Wahlbeobachter der OSZE für jedes besuchte Wahllokal einen umfangreichen Fragebogen der Organisation auszufüllen, in dem bis ins kleinste Detail die Bedingungen und Umstände abgefragt wurden. Unisono bestätigen die deutschen Abgeordneten, dass sie nirgendwo bei ihrer Arbeit behindert worden seien und es keine besonderen Vorkommnisse gab. "Alle waren sehr bemüht, unsere Fragen zu beantworten", sagt Clara Bünger. Auch Boris Mijatovic bestätigt die aufgeschlossene Atmosphäre: "Es gab nirgends ein böses Wort, einen bösen Blick, überall wurden wir freundlich aufgenommen."
Wie Tobias Winkler kritisiert auch Christoph Schmid, dass der Oppositionspolitiker Péter Magyar und seine Partei im Wahlkampf klar benachteiligt gewesen seien. "Aber den eigentlichen Wahlvorgang haben sich die Menschen nicht nehmen lassen, das hat mich sehr beeindruckt." So nimmt der SPD-Politiker für sich eine wichtige Erkenntnis mit: “Ungarn zeigt, dass sich die Menschen in einem Land, das wir für die Demokratie schon aufgegeben haben, die Demokratie zurückgeholt haben.”
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