Wahlmarathon 2026 : Für Donald Trump geht es um die Wurst
In Ungarn und Israel könnte es für Orbán und Netanjahu mit einer weiteren Amtszeit knapp werden. Und auch die republikanische Mehrheit im Kongress ist in Gefahr.
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In Europa stehen wieder richtungsweisende Wahlen an: In sechs Ländern, darunter Dänemark, Schweden und Ungarn, wird das nationale Parlament neu bestimmt. Bei den vier größten EU-Mitgliedern Frankreich, Italien, Spanien und nicht zuletzt Deutschland stehen Regional- oder Kommunal- beziehungsweise Landtagswahlen ins Haus, die ein Gradmesser für die Zufriedenheit mit den jeweils Regierenden und wohl auch für das weitere Erstarken des rechten Rands sind.
Auch außerhalb Europas sind wichtige Weichenstellungen in Sicht: Das gilt für Israels Wahl zur Knesset, für Abstimmungen in Brasilien und Kolumbien mit knapp 200 Millionen Wahlberechtigten und erst recht für die Zwischenwahl in den USA, die über den weiteren Kurs von US-Präsident Donald Trump mitentscheiden wird.
Wahl in Ungarn im Frühjahr: Kopf-an-Kopf-Umfragerennen in Budapest
Mit Spannung blickt man in den EU-Hauptstädten aber zunächst auf die Parlamentswahl in Ungarn, die voraussichtlich im April 2026 stattfindet: Gelingt es dem seit 2010 regierenden Premier Victor Orbán und seiner rechtsnationalen Koalition aus Fidesz und der KDNP nochmals eine Mehrheit und damit ein Mandat für vier Jahre weiteres Regieren zu holen?
Oppositionsführer Péter Magyar, hier bei einer Rede Ende Oktober 2025 in Budapest, will die seit 2010 ununterbrochen andauernde Regierung von Viktor Orbán und dessen Fidesz-Partei beenden.
In Umfragen konnte 2025 die oppositionelle konservative und proeuropäische TISZA-Partei von Péter Magyar einstweilen kräftig auf- und Orbáns Partei einholen. Wichtige Stichworte, mit denen die neue Oppositionskraft bei den Ungarinnen und Ungarn auf Gehör trifft, sind Korruptionsmüdigkeit und die Ablehnung von Orbáns Kurs einer „illiberalen Demokratie“. Bei der Wahl werden die 199 Abgeordneten der ungarischen Nationalversammlung (Országgyűlés) für eine Legislaturperiode von vier Jahren neu gewählt. Zuletzt gab es Kritik aus der ungarischen Opposition an einem von Orbáns Koalition initiierten Neuzuschnitt der Wahlkreise, der Orbáns Fidesz-Partei begünstigen würde.
Reichstagswahl in Schweden im September
Ebenfalls zur Wiederwahl stellt sich in Schweden im September die Koalition von Premierminister Ulf Kristersson und seiner liberal-konservativen Moderaten Sammlungspartei. Kristersson hatte nach der Reichstagswahl 2022 eine Minderheitenregierung mit Christdemokraten und Liberalen gebildet, die sich von den nationalistischen Schwedendemokraten tolerieren lässt.
In den Umfragen liegen nun aber die Sozialdemokraten stabil vorne mit 30 Prozent plus, gefolgt von den Schwedendemokraten mit gut 20 und den Moderaten mit knapp 20 Prozent. Bliebe es so wie in dieser Momentaufnahme, hätte die sozialdemokratische Oppositionsführerin Magdalena Andersson wohl die Wahl zwischen einer großen Koalition mit den Moderaten oder einem Mitte-Links-Bündnis mit Grünen und Zentrumspartei.
Dänemark und Grönland unter Druck
Bis spätestens Ende Oktober muss laut Verfassung in Dänemark ein neues Folketing gewählt werden: Dem Parlament in Kopenhagen gehören stets 179 Abgeordnete an, darunter je zwei von den Färöer-Inseln und Grönland als autonome Bestandteile des Königreichs. Die amtierende Ministerpräsidentin Mette Frederiksen von den Sozialdemokraten regiert seit 2022 in einem Bündnis mit der sozialliberalen Venstre-Partei und den konservativ-liberalen Moderaten: Lange Zeit galt ihr erfolgreicher Spagat zwischen Grenzen setzender Einwanderungspolitik und linker Sozialpolitik als ein mögliches Erfolgsrezept für darbende sozialdemokratische Parteien.
In den Umfragen liegt Frederiksens Partei zwar nach wie vor mit rund 20 Prozent vorn, allerdings setzt ihrer Koalition der Erfolgskurs anderer Kräfte zu, einerseits durch die links-grüne „Socialistisk Folkeparti“, anderseits durch die mit libertären Tönen punktende Liberale Allianz. Zehn Parteien könnten nach heutigem Stand den Sprung über die Zwei-Prozent schaffen: Der Ausgang der Regierungsbildung ist offen.
„Wenn die USA beschließen, ein anderes Nato-Land anzugreifen, ist alles vorbei.“
Wer auch immer dann den Schlüssel für Schloss Christiansborg, den Premier-Amtssitz in Kopenhagen, in der Hand hat: Sie oder er dürfte weiter unter dem massiven Druck von US-Präsident Donald Trump stehen. Dieser hat zum Jahreswechsel gerade erst wieder den Gebietsanspruch der USA auf Grönland untermauert – was Dänemark und die skandinavischen Staaten scharf zurückweisen. „Wenn die USA beschließen, ein anderes Nato-Land anzugreifen, ist alles vorbei“, sagte Ministerpräsidentin Frederiksen.
Israelis wählen im Herbst die 26. Knesset: Ungewisse Zeiten für Netanjahu
Israel wählt bis spätestens 27. Oktober ein neues Parlament mit 120 Abgeordneten – und stimmt damit auch über die Ausrichtung des Landes nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 ab. Der derzeitige israelische Premierminister, Benjamin Netanjahu, will erneut bei der Wahl antreten. Mit fortschreitender Kriegsdauer und rund um die Frage der Freilassung der von der Hamas entführten Geiseln war der Chef der konservativen „Likud“-Partei jedoch massiv in die Kritik geraten.
Seit Jahren setzt er auf eine Zusammenarbeit mit rechten, ultraorthodoxen und antiliberalen Parteien. Umfragen sehen seine Partei jedoch aktuell vor der zweitplatzierten Partei des Oppositionskandidaten und ehemaligen Ministerpräsidenten Naftali Bennett. Die Debatte um die politische Zukunft Israels dreht sich auch um Grundsatzfragen: Sicherheitspolitik, der Umgang mit Gaza und dem Westjordanland, die Rolle ultra-orthodoxer Parteien und die Stabilität der Demokratie sind zentrale Themen im Wahlkampf.
Midterms in den USA im November: Kongressmehrheit für Trump wackelt
Die größte Tragweite, das gilt nicht nur für Dänemark und Grönland, dürften 2026 die Zwischenwahlen (Midterms) im November in den USA haben: Nach dem „Super Tuesday“-Wahltag im November 2024 triumphierte nicht nur Donald Trump mit dem Wiedereinzug ins Weiße Haus, seine Republikaner sicherten sich auch die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses.
Gewählt werden das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze des Senats. Gelänge es den Demokraten in beiden Kammern die Mehrheit zu erobern, würde das eine Konstellation bedeuten, die die Amerikaner „divided government“ nennen: Dies würde die Spielräume für Trumps Präsidentschaft erheblich einschränken. Im Zusammenspiel mit dem Alter des Präsidenten und der laut US-Verfassung nicht mehr möglichen erneuten Kandidatur hätte Trump dann wohl mit dem Etikett einer „lame-duck“-Präsidentschaft zu kämpfen.
Dürfte, würde, wäre, hätte: Was sich wohl die meisten Staats- und Regierungschefs in Europa wünschen – eine Abkehr von Trumps erratischer, disruptiver Politik und eine Bekräftigung des transatlantischen Bündnisses – könnte sich als Wunschdenken entpuppen. Das gilt nach Meinung mancher Beobachter der US-Politik selbst dann, wenn das Pendel von Trumps „America first“ und „Maga“ beginnend mit den Midterms wieder zu den Demokraten zurückschwingen würde. Denn auch sie könnten Antworten auf die Wahrnehmung einer geopolitisch-strategischen Überdehnung der Vereinigten Staaten geben, die den Europäern nicht unbedingt gefallen würden.
In einer Reihe von Nachwahlen für einzelne Senats- und Abgeordnetensitze hatten die Demokraten in den vergangenen Monaten zwar leicht Oberwasser – übrigens auch in republikanisch dominierten Gebieten. Andererseits steht die Partei in der Kritik, nach der Niederlage 2024 noch nicht zu neuer Geschlossen- und Entschlossenheit gefunden zu haben.
In einem Punkt dürfte sich auch 2026 ein Satz von Bill Clintons Präsidentschaftskampagne aus dem Jahr 1992 wahlentscheidend bewahrheiten: „It’s the economy, stupid“. Viele Amerikaner beklagen steigende Lebenshaltungskosten durch Inflation und die Zollpolitik ihres Präsidenten. Beim Thema „affordability“ („Erschwinglichkeit“) muss Trump bis zu den Zwischenwahlen im Herbst liefern, wenn er die für ihn bequemen republikanischen Mehrheiten im Kongress halten möchte. In den Umfragen haben die Demokraten derzeit knapp die Nase vorn.
Wahlen in Portugal und Bulgarien
Gewählt werden 2026 nicht nur Parlamente, sondern auch Staatsoberhäupter: In Portugal sind die Bürgerinnen und Bürger Mitte Januar zur Präsidentschaftswahl aufgerufen. Amtsinhaber Marcelo Rebelo de Sousa kann verfassungsgemäß nicht mehr antreten, Aussichten auf Erfolg haben die Kandidaten der konservativ-liberalen PSD, der Sozialdemokraten, der rechtsextremen „Chega!“-Partei sowie ein parteiloser Kandidat.
Auf Bulgarien könnten gleich zwei Abstimmungen zukommen: Das südosteuropäische Land, das soeben den Euro eingeführt hat, dürfte nach dem Rücktritt der Regierung im Dezember wahrscheinlich vor der Wahl einer neuen Nationalversammlung stehen – es wäre die siebte Abstimmung seit 2021. Prägende Kräfte sind die konservative GERB-Partei des langjährigen Premiers Bojko Borissow, die prowestliche Antikorruptionsplattform PP („Wir setzen den Wandel fort“), die Sozialdemokraten, die liberale Partei der türkischen Minderheit DPS und zunehmend die rechtsextreme Partei „Wiedergeburt“.
Keinem der Lager ist es in wechselnden Konstellationen gelungen, für dauerhaft stabile Mehrheiten zu sorgen. Bei der spätestens im Herbst anstehenden Präsidentschaftswahl kann Amtsinhaber Rumen Radew nach zwei Amtszeiten laut Verfassung nicht mehr antreten. Der auf dem Ticket der bulgarischen Sozialdemokraten gewählte frühere Armeegeneral hat sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine positioniert.
Auch Lettland, Slowenien und Bosnien und Herzegowina wählen
Weitere Wahlstationen in Europa: In Lettland bestimmen die Wähler bis spätestens Oktober über ein neues Parlament und damit auch über die Zukunft der seit 2023 regierenden Premierministerin Evika Siliņa und ihrer liberal-konservativen Partei „Vienotība“. In Slowenien stellt sich das seit 2022 regierende Bündnis von Ministerpräsident Robert Golob aus Sozialliberalen, Sozialdemokraten und Linken der Wahl. In Umfragen führt die nationalkonservative Slowenische Demokratische Partei vor Golobs grün- und sozialliberaler „Freiheitsbewegung“.
In Bosnien und Herzegowina finden Anfang Oktober die achten Wahlen seit der Unabhängigkeit vor 30 Jahren statt. Zu Wahl stehen das Staatspräsidium, das föderale Repräsentantenhaus, die beiden Entitätsparlamente und die Versammlungen der zehn Kantone in der Föderation. Laut Friedensvertrag von Dayton kann der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, der CSU-Politiker Christian Schmidt, Gesetze unabhängig vom Parlament erlassen und gewählte Politiker entlassen.
Jahrelang lag Schmidt mit Milorad Dodik, dem Präsidenten der Republik Srpska über Kreuz, der sich Entscheidungen Schmidts und des bosnischen Verfassungsgerichts widersetzte und mit der Abspaltung Srpskas drohte. 2025 wurde Dodik von der zentralen Wahlkommission abgesetzt, im Herbst gewann sein Vertrauter Siniša Karan die Präsidentschaftswahl in der Teilrepublik knapp. Wegen Unregelmäßigkeiten soll diese Wahl in einigen Wahlbezirken wiederholt werden.
Schicksalswahl in Armenien im Juni
Vor einer entscheidenden Weichenstellung stehen im Juni die Wählerinnen und Wähler in Armenien. Nach der Militäroffensive Aserbaidschans gegen die abtrünnige Republik Arzach im Gebiet Berg-Karabach und der Flucht von mehr als 100.000 bisher dort lebenden Armeniern im Jahr 2023 ringt Armenien um seine Identität und seine Perspektiven.
Premierminister Nikol Paschinjan und seine Partei „Zivilvertrag“ versuchen nach einem Friedenschluss mit Aserbaidschan im Jahr 2025 mit einem pragmatischen Kurs das Land von russischer Abhängigkeit und aus der jahrzehntelangen verbitterten Feindschaft mit Aserbaidschan zu lösen, stoßen damit aber innenpolitisch auf erhebliche Widerstände, teils auch in der einflussreichen armenischen Diaspora.
Knapp 200 Millionen Wahlberechtigte in Brasilien und Kolumbien
In Südamerika stehen Abstimmungen in den beiden einwohnerreichsten Ländern auf der Tagesordnung: Knapp 200 Millionen Wahlberechtigte können ihre Stimme abgeben. In Brasilien will sich der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva ein viertes Mal um das Präsidentenamt bewerben, prominenter Herausforderer ist Flavio Bolsonaro, rechtsgerichteter Senator und ältester Sohn des wegen eines Putschversuchs im Jahr 2023 verurteilten Ex-Staats- und Regierungschefs Jair Bolsonaro.
Will sich im Alter von 80 Jahren ein weiteres Mal zur Wahl stellen: Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, hier im Dezember 2025 bei einer Pressekonferenz in Brasilia.
In Kolumbien kann der linke Präsident Gustavo Petro bei der Wahl im Mai laut Verfassung nicht mehr antreten. Ins Rennen um seine Nachfolge starten unter anderem die konservative Kandidatin Vicky Davila, die Mitte-Links-Politikerin Claudia Lopez, einst Bürgermeisterin der Hauptstadt Bogotá, Sergio Fajardo, Zentrist und früherer Bürgermeister der zweitgrößten Stadt Medellín sowie der sozialliberale Kandidat Juan Manuel Galán. Überschattet wird der Wahlkampf von einem tödlichen Attentat auf den prominenten rechten Petro-Kritiker Miguel Uribe Turbay im Sommer 2025. Das wahlkampfbeherrschende Thema ist die öffentliche Sicherheit, die sich in Petros Amtszeit zusehends verschlechtert hat.
Parlamentswahlen im Libanon im Mai und in Neuseeland im Spätherbst
Im Libanon ist die Parlamentswahl für Mai angesetzt. Die 128 Sitze der Abgeordnetenkammer werden nach einem komplizierten Verfahren unter den religiösen Gemeinschaften entsprechend ihrer demografischen Stärke verteilt. 15 Sitze hält derzeit der politische Arm der Hisbollah. Die islamistische Terrororganisation hat jedoch nach den Auseinandersetzungen mit Israel 2023 und 2024 und angesichts des schwächer gewordenen iranischen Einflusses im Libanon an militärischer und womöglich auch an politischer Macht eingebüßt.
Als eines der letzten Parlamente in diesem Jahr wird im Spätherbst das New Zealand House of Representatives neu gewählt. Seit 2023 regiert in Wellington ein Mitte-rechts-Bündnis von Premier Christopher Luxon und seiner konservativen New Zealand National Party unter Einschluss der nationalistischen „New Zealand First“-Partei. In den Umfragen konnte die sozialdemokratische Labour-Partei wieder Boden gutmachen und sich knapp vor den Konservativen platzieren.
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