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Arbeiten die Deutschen zu wenig? : Union erntet Vorwurf der Realitätsferne

Mit der Forderung nach Einschränkung von Teilzeitarbeit haben CDU-Politiker eine hitzige Debatte ausgelöst. Auch im Bundestag gab es dafür viel Kritik.

30.01.2026
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3 Min

Deutschlands Wirtschaft steckt in der Krise, schon länger, und nun sollen es die Beschäftigten richten. Das unterstellen zumindest die Kritiker der CDU/CSU. Letztere, allen voran Bundeskanzler Merz, hatte im vergangenen Jahr bereits mehrfach betont, dass das Wohlstandsniveau nicht mit "Work-Life-Balance" zu halten sei.

Foto: picture alliance / SIPA / Syspeo

Im Gesundheitswesen ist die Teilzeitquote besonders hoch - die Arbeitsbelastung aber auch.

Der aktuelle Arbeitsmarkt-Streit über die Höhe der Teilzeitquoten erreichte am Mittwoch auch den Bundestag. Dort fand auf Antrag der Fraktion Die Linke eine Aktuelle Stunde zu der seit dem vergangenen Wochenende tobenden Debatte statt. 

Auslöser war ein Antrag für den Parteitag der CDU im Februar, in dem eine Einschränkung des Rechts auf Teilzeit gefordert worden war, unter anderem die Beschränkung auf Beschäftigte mit Betreuungspflichten. "Lifestyle-Teilzeit" könne sich das Land wegen des Fachkräftemangels nicht leisten, heißt es darin. Die Parteispitze distanzierte sich zwar von der Formulierung. Im Bundestag musste sich die Unionsfraktion dennoch den Vorwurf gefallen lassen, die Lebensrealität der Beschäftigten nicht zu kennen.

Zahl der Erwerbstätigen wird um vier Millionen sinken

Anne Zerr (Die Linke) attestierte der Union gar eine "Verachtung für arbeitende Menschen", anders ließen sich die ständigen Debatten um Arbeitszeiten, Krankheitstage oder eben Teilzeit nicht erklären. "Die Menschen in diesem Land sind nicht faul", sagte sie. Im Gegenteil hätten sie 2024 so viele Arbeitsstunden wie noch nie geleistet, diese Fakten dürften nicht verschwiegen werden. Zerr verwies darauf, dass viele Beschäftigte aus gesundheitlichen Gründen Teilzeit arbeiten würden, "um sich vor dem Burnout" zu retten.


„Wer möchte, dass die Menschen mehr arbeiten, der muss die Arbeitsbedingungen verbessern.“
Jan Dieren (SPD)

Sandra Carstensen (CDU) unterstellte wiederum der Linken, mit "völlig verdrehten Fakten und Realitäten" zu argumentieren. In den nächsten zehn bis 15 Jahren werde die Zahl der Erwerbstätigen um rund vier Millionen sinken. "Das bedeutet: Wir müssen mehr arbeiten." Wohlstand entstehe nicht durch Verteilung, sondern durch Arbeit und Leistung, so die Unionsabgeordnete. Sie bekräftigte: “Niemand will Teilzeit dort reduzieren, wo es nötig ist.”

Die Union lenkt vom Kernproblem ab, sagt die AfD

Peter Bohnhof (AfD) warf der Union anschließend vor, seit Monaten auf den Arbeitnehmern "rumzuhacken", weil sie über die "wahren Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang" nicht reden wolle. Dazu gehören für ihn eine "industriefeindliche Energiepolitik" und die "Masseneinwanderung". Nicht nur Familien mit Kindern bräuchten Teilzeit-Möglichkeiten, auch Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege, die ansonsten ganz aus ihren Jobs aussteigen würden, betonte er.

Teilzeitarbeit auf einen Blick

⚖️ Der Rechtsanspruch gilt für Arbeitnehmer, deren Arbeitsverhältnis mehr als sechs Monate besteht und deren Arbeitgeber in der Regel mehr als 15 Arbeitnehmer beschäftigt.

📊 Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums (BMAS) arbeiten fast 30 Prozent aller Erwerbstätigen in Teilzeit; 4,7 Prozent würden laut dem Statistisches Bundesamt gern mehr arbeiten. Fast die Hälfte aller berufstätigen Frauen arbeitet in Teilzeit.

📈 Die absolut geleisteten Arbeitsstunden lagen laut BMAS 2024 mit 61,3 Milliarden seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau.



Jan Dieren (SPD) stellte klar, es stimme schlicht nicht, dass die Arbeitsproduktivität sinke, sie steige stattdessen. Eine Vollzeitstelle bedeute in Deutschland eine durchschnittliche Arbeitszeit von 41 Stunden pro Woche, das könnten aber immer mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Belastungen oft gar nicht leisten. In der Pflege würden die meisten Beschäftigten ihre Arbeitszeit ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen reduzieren. "Wer möchte, dass die Menschen mehr arbeiten, der muss die Arbeitsbedingungen verbessern", sagte Dieren.

Misbah Khan (Bündnis 90/Die Grünen) betonte: "Die Union hat sich entschieden, die Menschen zum Problem zu erklären." So wolle sie ablenken von ihrer eigenen politischen Verantwortung für die wirtschaftlichen Probleme dieses Landes. "Lassen Sie den Menschen doch die Wahl, wie sie arbeiten möchten", appellierte sie. Immerhin nähmen sie in Teilzeit Lohneinbußen in Kauf und das oft nicht freiwillig. Stress sei einer der größten Krankheitstreiber in der Gesellschaft, deshalb müsse die Prävention im Mittelpunkt solcher Debatten stehen und nicht ein vermeintlicher "Lifestyle". 

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