Weltklimarat korrigiert Extremszenario nach unten : Ringen um die Deutungshoheit
Dass Wissenschaftler ein früheres Worst-Case-Klimaszenario nicht mehr für plausibel halten, ist für die AfD ein Fehlereingeständnis. Für andere eine gute Nachricht.
Es war Anfang April, als 44 Experten, die dem Weltklimarat (IPCC) zuarbeiten, das neue "Szenariomodell" für den 2029 erwarteten siebten IPCC-Sachstandsbericht veröffentlichten. Darin nicht mehr enthalten: Das Worst-Case-Klimaszenario RCP8.5, das im Extremfall eine Erderwärmung von bis zu 5,7 Grad prognostizierte.
2024 wurden weltweit so viele Windanlagen, wie hier in Ostfriesland, neu gebaut wie nie zuvor. Global kamen 117 Gigawatt hinzu. Auch das trug dazu bei, dass das Worst-Case-Klimaszenario des Weltklimarats unrealistisch wurde.
Eine scheinbar kleine Anpassung, die in der Öffentlichkeit nachträglich für große Aufregung sorgt: Während Klimaforscher betonen, dass dies kein Grund zur Entwarnung sei, feiern Klimaskeptiker den Wegfall als vermeintliches Fehlereingeständnis - allen voran US-Präsident Donald Trump auf seinem Netzwerk Truth Social: Der Weltklimarat habe zugegeben, dass seine Prognosen falsch gewesen seien, schrieb er. "Falsch! Falsch!"
Aktuelle Stunde gerät zum Schlagabtausch über Klimapolitik
Für die AfD war das ein Anlass, zu dem Thema eine Aktuelle Stunde im Bundestag zu verlangen. Diese führte am Mittwochnachmittag dann auch gleich zu heftigen Wortgefechten und manch ausfälliger Bemerkung, sodass Bundestagsvizepräsidentin Andrea Lindholz (CSU) Abgeordnete der AfD verwarnte und mit Ordnungsrufen drohte.
„Es gibt keine Entwarnung. Bis zu 3,5 Grad Erwärmung bleiben möglich.“
Diese teilten dennoch kräftig aus: Dass der IPCC sein "Horrorszenario" zurückgezogen habe, wertete Karsten Hilse als einen Beleg dafür, dass der "größte Betrug an der Menschheit" ende: Staaten, Exekutiven und Geldgeber verabschiedeten sich vom "Klimawahn". RCP 8.5, mit dem auch in Deutschland "die unsinnigsten Maßnahmen durchgepeitscht" worden seien, sei nun Geschichte. Wenn die Union nicht dieses Schicksal teilen wolle, müsse sie sich von "Sozialisten und Kommunisten" lösen, "die Ihnen erzählen, dass man zukünftige Klimazustände vorhersagen könne", so Hilse an die CDU/CSU gewandt.
CDU kritisiert die Skandalisierung wissenschaftlicher Praxis
Dagegen betonte Mark Helfrich (CDU), es sei gängige Praxis, dass Klimaforscher ihre Berechnungen aktualisierten. Dass sie RCP8.5 für unplausibel erklärt hätten, sei kein Grund, "die gesamte politische Klimaarchitektur" infrage zu stellen. Die Anpassung zeige, dass diese wirke. Der Versuch der AfD, einen "Pseudoskandal" zu konstruieren, sei "billig".
Julia Schneider (Grüne) verstand die nach unten korrigierten Prognosen als gute Nachricht: Der Ausbau erneuerbarer Energien habe die Rahmenbedingungen verändert und die noch 2011 angenommene Menge der Kohleverstromung unrealistisch werden lassen - genauso wie RCP8.5.
Jan Blankenburg (SPD) warf der AfD vor, Falschbehauptungen weiterzutragen: Es gebe keine Entwarnung. "Bis zu 3,5 Grad Erwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts bleiben möglich."
Die Zukunftsängste seien berechtigt, befand auch Fabian Fahl (Linke). Dürren, Ernteausfälle, Waldsterben - eine 3-Grad-Welt sei für Deutschland katastrophal. Doch Klimapolitik bedeute für Schwarz-Rot: "Kuscheln mit Großaktionären insbesondere der Gasindustrie."
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