Grüne Woche 2026 : Unterwegs auf der Messe der Superlative
Beim Rundgang des Agrarausschusses über die Messe zeigt sich: Hohe Energiekosten machen es der Branche schwer, sich gegen die ausländische Konkurrenz durchzusetzen.
Mit 100 Jahren wirkt sie jung wie nie und ist zugleich eine Messe der Superlative: Die Grüne Woche in Berlin ist die alljährliche Heerschau der Landwirtschaft, der Ernährungswirtschaft und des Verbraucherschutzes. 310.000 Besucher seien im vergangenen Jahr in die Messehallen gekommen, berichtet Messe-Direktor Lars Jäger am Donnerstag den Mitgliedern des Bundestagsausschusses für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, die sich zum Messerundgang eingefunden hatten.
Jäger erwartet, dass die Besucherzahl im Jubiläumsjahr übertroffen werden könnte. 325.000 Besucher könnten es werden. Der Andrang ist enorm: Es gibt eine Ausstellungshalle mehr als im letzten Jahr. Insgesamt 54 Länder sind vertreten.
Blauzungenkrankheit sorgte für Probleme
Wie voll es ist, merken die Ausschussmitglieder beim Gang durch die Hallen, in denen die Gruppe nur mühsam vorankommt. Besonders eng wird es in der Halle des Landes Mecklenburg-Vorpommern, das in diesem Jahr Partnerland der Grünen Woche ist und das Motto "Genuss mit Meerblick" gewählt hat. Entsprechend präsentieren sich Lebensmittelhersteller und Tourismus-Unternehmen. Der Urlaubsprospekt kann gleich vor Ort in Augenschein genommen und dabei ein Fischbrötchen verzehrt werden. Oder ein von einem Bäcker neu kreiertes "Glühwein-Brot".
Unterwegs zu den Länder-Hallen - Rheinland-Pfalz wird für eine Sektpause genutzt - passieren die Abgeordneten einen umstrittenen Teil der Messe: die Tierhalle. Dort sind Vorführungen mit Pferden ebenso zu erleben wie die Haltung von Kühen zu besichtigen ist. "Tiere gehören dazu. Für uns ist das eine Notwendigkeit", verteidigt sich Jäger gegen Kritik.
Dabei machte die Präsentation von Tieren auch aus einem anderen Grund Probleme: Im vergangenen Jahr war es die Maul- und Klauenseuche, in diesem Jahr ist es die Blauzungenkrankheit. Die Tiere wurden getestet. Für die Ausstellung von Tieren macht sich auch der Ausschussvorsitzende Hermann Färber (CDU) stark: "Tiere sind fester Bestandteil der Landwirtschaft und Teil der Ernährung." Das werde auch so bleiben, ist sich Färber sicher.
Branche ächzt unter hohen Energiekosten und Arbeits- und Führungskräftemangel
Die Ausschussmitglieder erfahren bei den verschiedensten Ausstellern, dass es fast überall ähnliche Probleme gibt: An erster Stelle stehen die in Deutschland sehr hohen Energiekosten, die es den Betrieben schwer machen, gegen die starke ausländische Konkurrenz anzukommen.
Das ist etwa beim Zentralverband Gartenbau zu erfahren, der eine Halle in ein wahres Blumenmeer verwandelt hat: Auf 3.000 Quadratmetern sind 35.000 Frühjahrsblüher zu sehen, berichtet Vizepräsident Andreas Kröger den Abgeordneten. Alle Fraktionen sind übrigens bei dem Messerundgang dabei. Trotz des schönen Blicks auf das Blumenmeer zeigt Kröger eine Sorgenmiene: Die Energiekosten in seiner Branche sind viel zu hoch. Vor allem die CO2-Bepreisung sorgt für Belastungen. Kröger berichtet von einem Betrieb, der 150.000 Euro Mehrkosten für Energie zu tragen hat. Er befürchtet, dass es viele Betriebe bald nicht mehr geben werde, wenn sich nichts ändere. Denn die ausländische Konkurrenz kann die Gewächshäuser preiswerter heizen.
„Tiere sind fester Bestandteil der Landwirtschaft und Teil der Ernährung.“
Auch der Mangel an Arbeitskräften und Führungskräften ist fast überall ein Thema. Im Gartenbau setzt man auf Automatisierung: Präsentiert wird ein Gieß-Roboter, der nachts zum Beispiel auf Friedhöfen allein seine Wege zieht, die Pflanzen auf den Gräbern bewässert und selbst den Weg zum Wasserschluss findet und nachtankt, wenn sein 200-Liter-Tank leer ist. Bei der Fahrt hat der Roboter seinen Weg im Blick: "Der überfährt keinen Igel", versichert Kröger.
Im Lebensmittelhandwerk hat man ebenfalls Sorgen wegen der hohen Energiepreise. Herbert Dohrmann von der Arbeitsgemeinschaft der Lebensmittelhandwerke, in der sich Bäcker, Fleischer, Konditoren, private Brauer und italienische Speiseeishersteller zusammengefunden haben, schildert neben den hohen Energiepreisen auch Rohstoffkosten und Arbeitskräftemangel als Probleme für das Lebensmittelhandwerk.
Wenige Meter weiter hören die Abgeordneten ähnliches von der Ernährungsindustrie, die mit 241 Milliarden Euro Umsatz Deutschlands drittgrößter Wirtschaftszweig ist. Hier hat man noch weitere Themen: Die aktuelle Zolldiskussion sei "sehr ärgerlich", sagt Christoph Minhoff von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie.
Bio-Branche freut sich über steigende Zahl der Beschäftigten
Personalprobleme besonderer Art betreffen viele Agrarier: Es mangelt an Forschenden und an Forschung, worauf auch der Bundesverband der Pflanzenzüchter aufmerksam macht. Für einen höheren Frauenanteil in der Landwirtschaft macht sich der Deutsche LandFrauenverband stark. Nur elf Prozent der Betriebe würden von Frauen geleitet. Hier könnten noch mehr Frauen zum Zuge kommen, zum Beispiel durch Anhebung der Altersgrenzen für die Junglandwirteförderung, meint Ursula Braunewell, erste Vizepräsidentin der Organisation.
Zufriedenheit ist in der Bio-Halle der Messe zu spüren. Vom Bund ökologische Lebensmittelwirtschaft erfahren die Abgeordneten, dass die Branche bereits 388.000 Beschäftigte zählt, zwei Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Biomarkt wachse, hören die Abgeordneten. Ein Wermutstropfen für alle - egal ob bio oder konventionell wirtschaftend - sind allerdings die steigenden Lebensmittelpreise, von denen besonders der Bundesverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände berichtet. Vor allem Familien und Senioren seien von den hohen Preisen betroffen.
Die Bedeutung der Agrarwirtschaft und Lebensmittelerzeuger für die Versorgungssicherheit ist ebenfalls Thema. Bauernpräsident Joachim Rukwied appelliert, eine Stärkung der heimischen Landwirtschaft könne die Ernährungssicherheit verbessern. Ausschussvorsitzender Färber erinnert, dass das Thema Versorgungssicherheit jahrzehntelang eine Selbstverständlichkeit gewesen sei. Das habe sich geändert.
Zum Abschluss empfängt Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) die Abgeordneten in der Halle seines Ministeriums. Wie schon Messedirektor Jäger ist auch der Minister vom "großen Erfolg" der Grünen Woche überzeugt: “Ich bin sehr zufrieden.”
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