Das Ende der NS-Diktatur : "Ab heute wird nur noch gepfiffen"
In "Die letzten Tage der Diktatur" erzählt Svenja Falk die kurze Geschichte der Reichsregierung Dönitz in Flensburg bei Ende des Zweiten Weltkriegs.
Es ist ein nur kurzes Kapitel der deutschen Geschichte: Vom 2. bis zum 23. Mai 1945 amtierte zunächst für einen Tag in Plön und dann im Flensburger Stadtteil Mürwik die Regierung Dönitz. Kurz vor seinem Selbstmord hatte Adolf Hitler in seinem politischen Testament den damaligen Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dönitz zu seinem Nachfolger in den Ämtern des Reichspräsidenten und Oberbefehlshabers der Wehrmacht ernannt.
Svenja Falk, gebürtige Flensburgerin und Honorarprofessorin an der Universität Gießen für Themen wie Trend- und Marktforschung, hat jetzt unter dem Titel "Die letzten Tage der Diktatur" ein Buch über die Regierung Dönitz veröffentlicht.
Svenja Falk:
Die letzten Tage der Diktatur.
Spione, Drahtzieher und das Ende der Nazi-Herrschaft.
Klett-Cotta,
Stuttgart 2026;
256 S., 21,99
Die wichtigste Entscheidung des nominell letzten Reichspräsidenten Deutschlands bestand darin, entgegen dem Befehl Hitlers die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht zum 8. Mai 1945 zunächst im französischen Reims und in der Nacht darauf in Berlin-Karlshorst zu ermöglichen. Ansonsten galt, was Falk treffend beschreibt: "Die Regierung Dönitz spricht, aber niemand hört wirklich zu. In der deutschen Bevölkerung spielt sie kaum eine Rolle, und auch in Flensburg bleibt sie für die meisten Menschen irrelevant, sie ist zu weit entfernt vom eigenen Alltag, zu bedeutungslos angesichts von Hunger, Ungewissheit und Erschöpfung."
Todesurteil gegen 21-jährigen Marinesoldaten und das Ritterkreuz für Alfred Jodl
Gleichermaßen bizarr wie erschreckend wirkt, dass Dönitz dem fanatischen NS-General Alfred Jodl noch am 10. Mai das Ritterkreuz mit Eichenlaub verlieh und am Tag darauf sogar noch ein Todesurteil gegen einen Marinesoldaten vollstrecken ließ - der 21-Jährige hatte nichts weiter getan als einem Obermaat den vorgeschriebenen Gruß zu verweigern. Als die Briten am 13. Mai den ehemaligen Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel in Mürwik verhafteten, ließ Dönitz eine Hitler-Büste aus seinem Büro entfernen und danach gleich wieder aufstellen. Auch durften Hitler-Bilder in all den Räumen an den Wänden bleiben, die von den Briten bei ihren Besuchen in der Marineschule nicht betreten wurden. Und als die Alliierten das Singen von Marschliedern verboten, ordnete Dönitz an: “Ab heute wird nur noch gepfiffen.”
Zur bis heute umstrittenen Frage, inwieweit die Regierung Dönitz dazu einen Beitrag leistete, dass im Mai 1945 noch Millionen von Deutschen vor den Sowjets in den Machtbereich der Westmächte flüchten konnten, findet sich bei Falk wenig Erhellendes. Leider fehlt dem Buch auch trotz mancher interessanter Details ein erzählerischer Bogen.
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