Tanja Müller-Ziegler im Interview : "Wir bauen mit Wero ein paneuropäisches Zahlverfahren"
Die EZB soll den digitalen Euro nicht als Konkurrenz zu privaten Lösungen aufbauen, fordert die Vorständin des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken.
Frau Müller-Ziegler, die Europäische Union will eine digitale Variante des Euro einführen, sodass die Bürger in allen Mitgliedsstaaten unabhängig von amerikanischen Kreditkartenkonzernen wie Visa oder Mastercard digital und mobil bezahlen können. Wie beurteilen Sie diese Brüsseler Pläne?
Tanja Müller-Ziegler: Klar ist angesichts der geopolitischen Situation, dass Europa im Zahlungsverkehr souveräner werden muss. Das gilt insbesondere für Länder wie Irland, die anders als Deutschland mit der Girocard oder Frankreich mit der Cartes Bancaires kein eigenes nationales Bezahlsystem haben.
Genau diese Lücke soll der digitale Euro füllen.
Tanja Müller-Ziegler: In vielen Ländern haben wir bereits gut funktionierende souveräne Zahlungssysteme. Deshalb drängt die Deutsche Kreditwirtschaft darauf, dass die EU einen Rahmen schafft, der auf Integration setzt und nicht auf ein Parallelsystem. Sprich, dass der digitale Euro in die bestehenden Apps und Zahlungssysteme der Banken integriert wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte nicht völlig neue Infrastrukturen schaffen. Die Frage wird sein: Nutzt die Gesetzgebung bestehende europäische Stärken - oder schwächt sie sie?
Worin bestehen diese Stärken?
Tanja Müller-Ziegler: Wir haben in vielen Ländern gut funktionierende Strukturen und bauen mit Wero ein paneuropäisches Zahlverfahren auf, das schon heute Millionen Menschen verbindet. Es gibt kein Marktversagen im Zahlungsverkehr. Dass die EZB dieses System nochmal komplett nachbauen will, ist schwer nachvollziehbar.
Noch läuft der europäische Gesetzgebungsprozess für den rechtlichen Rahmen des digitalen Euro. Was wünschen Sie sich von den EU-Parlamentariern auf den letzten Metern der Positionierung?
Tanja Müller-Ziegler: Wir als Kreditwirtschaft, und da sind sich die Genossenschaftsbanken, die Privatbanken und die Sparkassen einig, wollen eine schrittweise Einführung. Damit lässt sich die Komplexität erheblich reduzieren.
Was bedeutet das?
Tanja Müller-Ziegler: Es schafft keinen Mehrwert und würde auch die Nutzer und Bürger verwirren, wenn die EZB für den digitalen Euro eine eigene Karte für mobiles und digitales Bezahlen ausgeben würde. Es muss auch vermieden werden, dass die Bürger ihre Einlagen uneingeschränkt in digitale Euro umwandeln, also auf dem neuen Sonderkonto bei der EZB lagern. Wenn die Banken einen solchen Mittelabfluss von Einlagen erleben, schwächt das ihre Möglichkeiten, Kredite, insbesondere an den Mittelstand, zu vergeben. Deswegen brauchen wir eine klare Rollenverteilung zwischen der EZB und den Geschäftsbanken.
„Die EZB kann nicht für 400 Millionen Europäer einen technischen Support anbieten.“
Welche Rolle billigen Sie der EZB zu?
Tanja Müller-Ziegler: Sie stellt den digitalen Euro als Zentralbank bereit. Dabei sollte sie ihn zunächst auf die Funktion beschränken, beim Onlineeinkauf als Zahlungsmittel zu dienen. Außerdem ist eine Offline-Funktion denkbar. Das bedeutet: Geldtransfers beispielsweise zwischen zwei Smartphone-Nutzern sind auch dann möglich, wenn keine Verbindung zum Internet oder andere signifikante Störfälle bestehen, etwa, indem diese ihre Handys aneinanderhalten und einen Geldtransfer freigeben.
Es gibt die Idee, dass die elektronische Geldbörse für den digitalen Euro in den Apps der privaten Banken als eine Art Unterkonto zum Girokonto verankert wird. Ist das realistisch?
Tanja Müller-Ziegler: Die technische Umsetzung ist noch unklar. Um sie von Anfang an mitzugestalten, prüfen wir derzeit auch die Teilnahme am bevorstehenden EZB-Pilotprojekt.
Für die Banken entstünde Aufwand, wenn sie den digitalen Euro verwalten sollen. Ist mit höheren Gebühren für die Kunden zu rechnen?
Tanja Müller-Ziegler: Sie sprechen das Thema der Kompensation an. Das ist wichtig. Denn die Banken sollen die Integration, den Betrieb und die Kundenbeziehung für ein öffentliches Zahlungssystem übernehmen, das auch noch im Wettbewerb zu ihren eigenen Lösungen steht. Wir stellen uns dem selbstverständlich. Aber, Beispiel Kundenbeziehung: Die Menschen werden sich bei technischen Problemen mit dem digitalen Euro an ihre Hausbank wenden. Die EZB kann schließlich nicht für 400 Millionen Europäer einen technischen Support anbieten. Wenn die Banken das aber leisten sollen, dann muss die EZB ihnen die Kosten dafür erstatten. Wir erwarten, dass auch das im europäischen Gesetzeswerk berücksichtigt wird.
Warum hat es Europas Finanzwirtschaft bis heute nicht geschafft, ein eigenes unabhängiges Zahlungssystem für den gesamten Binnenmarkt aufzubauen? Denn gäbe es das, hätte die EZB deutlich weniger Argumente für den digitalen Euro.
Tanja Müller-Ziegler: Europa ist kein homogener Zahlungsmarkt wie die USA. Aber wir haben auf EU-Ebene das Sepa-System eingeführt und auf harmonisierte Überweisungen im Binnenmarkt gesetzt, nicht auf Bezahlkarten.
Warum hängen Europas Banken bei Karten so weit hinterher?
Tanja Müller-Ziegler: Auf nationaler Ebene hinken die Banken nicht hinterher. In Deutschland ist die Girocard bei digitalen Zahlungen im Einzelhandel sehr etabliert. Und wir entwickeln sie weiter.
Wie?
Tanja Müller-Ziegler: Die Girocard wird sich bald nutzen lassen, um eine Zahlung beispielsweise in einem Hotel oder bei einer Autovermietung zwar zu autorisieren, aber die tatsächliche Transaktion erst zu einem späteren Zeitpunkt ausführen zu lassen, so, wie man es von Kreditkarten kennt. Auch sogenannte In-App-Zahlungen werden möglich. So lassen sich Zahlungen veranlassen, ohne eine Shopping-App verlassen zu müssen.
Das ist bisher nur eingeschränkt nutzbar. Wer im Internet einkauft, zahlt meist mit Kreditkarte oder PayPal.
Tanja Müller-Ziegler: Zugegeben: Wir sind spät dran. Aber die europäischen Banken haben die Zeichen der Zeit erkannt und den Bezahldienst Wero gestartet.
„Uns geht es nicht um einen Wettlauf, sondern um das Miteinander.“
Mit Wero kann man bisher lediglich Geld an Freunde und Verwandte schicken, und selbst das nur in Frankreich, Deutschland und den Benelux-Staaten. Bezahlen beim Online-Shopping funktioniert damit nicht.
Tanja Müller-Ziegler: Wero hat bald 130 Millionen Nutzer. Bei rund 400 Händlern ist der Dienst technisch bereits im Einsatz, Eventim ist einer davon. In den kommenden Monaten wird es möglich werden, Internet-Einkäufe bei Rossman, Lidl, Decathlon und vielen anderen großen Unternehmen damit zu bezahlen. Dazu kommen viele kleinere Anbieter.
Was ist mit mobilen Zahlungen oder Kartenzahlungen außerhalb Deutschlands im Einzelhandel? Auch das ist bisher meist nur mit amerikanischen Kreditkarten möglich.
Tanja Müller-Ziegler: Auch das ist über Wero auf dem Weg, die europäische Zusammenarbeit erster nationaler Bezahlsysteme ist bereits erfolgreich angelaufen.
Können Sie den Wettlauf mit dem digitalen Euro noch gewinnen?
Tanja Müller-Ziegler: Uns geht es nicht um einen Wettlauf, sondern um das Miteinander. Fest steht: Den digitalen Euro wird es frühestens 2029 geben. Solange können wir in Europa aber nicht warten - und müssen es dank Wero auch nicht. Auch deshalb ist es sinnvoll, dass der europäische Gesetzgeber den digitalen Euro zusammen mit der europäischen Kreditwirtschaft denkt.
Viele deutsche Banken setzen Anreize für ihre Kunden, lieber mit der Kreditkarte zu bezahlen als mit der Girocard, etwa, indem sie bei intensiver Nutzung Gebühren zurückerstatten. Manche geben nur noch eine Debitkarte von Visa oder Mastercard heraus und bieten gar keine Girocard mehr an. Weshalb stärken die deutschen Banken und Sparkassen nicht ihr eigenes System, die Girocard, künftig in Verbindung mit Wero?
Tanja Müller-Ziegler: Mastercard und Visa agieren mit sehr hohen Marketingbudgets auf dem deutschen Markt. Dabei entscheidet jede Bank für sich selbst, welche Karte sie ihren Kunden anbietet. Wenn wir digitale Souveränität in Europa stärken wollen, sollten sich die Banken aber in der Tat auf die europäischen Anbieter wie eben die Girocard und Wero konzentrieren.
Die Apps deutscher Banken sind nur für die Smartphones von Apple oder mit Googles Android-Betriebssystem ausgelegt. Dabei gibt es insbesondere in Europa mittlerweile Alternativen zu den dominierenden US-Tech-Konzernen, die auf freier Open-Source-Software basieren. Werden die Banken ihre Apps auch auf diesen freien Handy-Betriebssystemen verfügbar machen?
Tanja Müller-Ziegler: Die deutschen Genossenschaftsbanken bieten mittlerweile in ihren Apps die Möglichkeit für mobiles Bezahlen jenseits von Apple- oder Google-Pay an. Diese Funktion nutzen bereits 500.000 Kunden, obwohl wir sie noch nicht beworben haben. Wir sind damit auf einem guten Weg in Richtung digitale Souveränität beim Bezahlen. Möglich wurde das übrigens dank der europäischen Regulierung über digitale Plattformen, des Digital Markets Act (DMA). Dessen Vorgaben für die großen Plattformbetreiber haben wir dafür als erste Bankengruppe genutzt. Wir hoffen, dass die EU den DMA weiter im Sinne der Offenheit fortentwickelt.
Was ist mit Smartphones, die auf freier und quelloffener Software basieren anstelle der kommerziellen Betriebssysteme beim iPhone oder von Google?
Tanja Müller-Ziegler: Dieser Markt ist derzeit noch eine absolute Nische. Es gibt noch zu wenige Anbieter, weshalb es sich kaum lohnt, Banking-Apps für diese Endgeräte anzubieten.
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