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Pläne zur Kerosin-Knappheit : Mit ruhiger Hand

Die Bundesregierung will die angespannte Lage bei Flugbenzin weiter beobachten, um Engpässe frühzeitig zu erkennen. Konkrete Lösungen werden nicht genannt.

24.04.2026
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5 Min

"Wir müssen die Warnungen vor Kerosinknappheit sehr ernst nehmen": Das hat Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) am vergangenen Wochenende in einem Interview gesagt und damit eine Debatte um die Versorgungslage mit Energie erneut angeheizt. Es dauerte nicht lange, bis sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) einschaltete und beschwichtigte: "Für den Moment gilt: Die Marktlage ist angespannt, aber die Versorgung in Deutschland ist gesichert."

Foto: picture alliance/dpa

Blick auf die beleuchteten Anlagen der Total Energies Raffinerie im Chemiepark Leuna (im Hintergrund das Kraftwerk Schkopau).

Hintergrund sind die Entwicklungen im Nahen Osten, wo sich die USA und Israel seit Ende Februar im Krieg mit dem Iran befinden. Diese Auseinandersetzungen haben dazu geführt, dass weltweit die Preise für Öl und Gas steigen. Zum einen ist die wichtige Transportroute durch die Straße von Hormus bis auf einige wenige Ausnahmen für den Schiffsverkehr gesperrt, zum anderen wurden über 40 wichtige Energieanlagen in den Golfstaaten beschädigt, was zu massiven Störungen der Öl- und Gasexporte führte.

IEA-Chef Birol zeichnet düsteres Bild 

Während die Europäer über hohe Preise stöhnen, wird in Teilen Asiens bereits das Flugbenzin (Kerosin) rationiert, bleiben Flugzeuge am Boden. Etwas Vergleichbares könne auch hierzulande passieren, warnte der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol. Falls die blockierte Meerenge von Hormus gesperrt bleibe und weitere Lieferungen ausblieben, müssten womöglich schon bald Flüge gestrichen werden.


Katherina Reiche (CDU)
„Wir lassen uns nicht treiben. Wir handeln gezielt, wir handeln abgestimmt, mit kühlem Kopf. “
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)

Diese Aussage traf die Bundesregierung offenbar mitten in ihren Vorbereitungen, genau solche Szenarien nicht eintreten zu lassen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte auf die Bemerkungen des IEA-Chefs wortkarg reagiert und gesagt, in Deutschland gebe es momentan keinen Mangel an Kerosin. Anfang dieser Woche hatten das Wirtschafts- und das Verkehrsministerium eingeladen, um mit Vertretern der Luftfahrt- und Mineralölbranche über das weitere Vorgehen bei der Treibstoff-Versorgungslage zu sprechen. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hatte eine zeitweilige Aussetzung des Emissionshandels für den EU-Luftverkehr sowie der Luftverkehrsteuer gefordert.

Staatssekretärsausschuss der betroffenen Ministerien soll eingerichtet werden

Doch Reiche und Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder wollen den Ball erst einmal flach halten. "Wir lassen uns nicht treiben. Wir handeln gezielt, wir handeln abgestimmt, mit kühlem Kopf", sagte Reiche. Der Markt sei zwar angespannt, aber ein politisches Eingreifen werde nur bei Knappheiten in Erwägung gezogen. Schnieder erklärte, es sei nötig, etwaige Engpässe bei Treibstoffen frühzeitig zu erkennen, "um passgenaue Maßnahmen ergreifen zu können".

Fakten zum aktuellen Kerosin-Verbrauch

✈️Deutschland verbraucht pro Jahr etwa neun Millionen Tonnen Kerosin

🏭Acht Raffinerien produzieren hierzulande circa 4,8 Millionen Tonne Kerosin pro Jahr. In der Vergangenheit wurden davon rund 1,6 Millionen Tonnen exportiert

❗️Seit Ausbruch des Iran-Kriegs werden aus den USA und Nigeria Lieferungen bestellt. Sie können die Ausfälle in Europa aber nicht ausgleichen.



Wenige Informationen drangen von der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats, der ebenfalls Anfang der Woche tagte, nach außen. Nur so viel, dass zur weiteren Beobachtung der weltweit angespannten Lage bei der Energieversorgung beschlossen wurde, einen neuen Staatssekretärsausschuss betroffener Ministerien einzurichten, um gegebenenfalls schnell eingreifen zu können. Im Nationalen Sicherheitsrat kommen im Kanzleramt Mitglieder der Bundesregierung sowie Vertreter der Sicherheitsbehörden und Nachrichtendienste zusammen.

Grüne und Linke fordern Flugverbote

Derweil diskutieren die Oppositionsparteien bereits über mögliche Maßnahmen, wie einer möglichen Kerosinknappheit begegnet werden kann. Michael Kellner (Grüne) forderte einen Verzicht für innerdeutsche und für Kurzstreckenflüge. Für die Zukunft solle die Bundesregierung endlich eine Entscheidung über eine "grüne Kerosin-Fabrik" in der Lausitz treffen. Ines Schwertner, Co-Vorsitzende der Linken, will ein Flugverbot bei Strecken unter 500 Kilometern und für Privatjets.

So haben sich die Preise entwickelt

💰 Der Kerosinpreis hat sich seit Ende Februar verdoppelt

📈 Im April 2026 lag der Preis für Flugbenzin in Europa auf einem Rekordhoch von über 1.800 US-Dollar (rund 1.700 Euro) pro Tonne, im Vergleich zu 690 Dollar (rund 651 Euro) Ende 2025. 

✈️ Vollgetankt fasst eine Boeing 747 etwa 240.000 Liter Kerosin, zum aktuellen Preis kostet das über 230.000 Euro - 130.000 Euro mehr als vor dem Ausbruch des Iran-Kriegs.



Während der Nahost-Krieg weitergeht, verschieben sich wichtige Umsteige-Regionen. Seit Ende Februar hat der Krieg den internationalen Verkehr in den großen arabischen Drehkreuzen Dubai, Abu Dhabi und Doha hart getroffen. 

Einer der wichtigsten Umsteigekorridore zwischen Europa, Asien und Australien droht länger auszufallen, Geschäftsreisende, Touristen und Pendler sehen sich deshalb bereits nach anderen Möglichkeiten um, schreibt das "Handelsblatt". Viele Passagiere würden nun auf südost- und ostasiatische Routen über Singapur, Kuala Lumpur, Hongkong oder Shanghai ausweichen - sofern sie überhaupt noch fliegen. Denn die Ticketpreise haben sich massiv erhöht und das Angebot der Direktflüge wurde stark ausgedünnt. Tickets in der Economy-Klasse für Strecken wie Frankfurt-Shanghai kosten aktuell oft deutlich über 1.000 Euro für die einfache Strecke.

China und Russland profitieren von der Krise

China will aber offenbar länger von der Verschiebung profitieren und zählt mit einem dichten Netz großer, sehr neuer Flughäfen zu einem der wenigen Länder, das weitere Umsteigekapazitäten anbieten kann. Über die Versorgungslage mit Rohöl macht sich China keine Gedanken: Das Land bezieht große Teile seines Öls zu Vorzugskonditionen aus Russland.

Ölimporte aus Russland nach Deutschland spielen bei der Frage um die Versorgungssicherheit ebenfalls erneut eine Rolle. Das russische Energieministerium hat Mitte der Woche mitgeteilt, den Transit von kasachischem Rohöl zur PCK-Raffinerie in Brandenburg ab Mai einzustellen. Demnach darf kein Öl mehr aus Kasachstan durch die Druschba-Pipeline nach Schwedt fließen. Als Reaktion will die Bundesregierung das Gespräch nun mit Polen suchen, um Öllieferungen über den Hafen in Danzig zu erhöhen. 

EU-Kommission legte Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Energiekrise vor

Die EU-Kommission hat reagiert und Mitte der Woche ein umfassendes Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Energiekrise vorgelegt. Um Engpässe im Flugverkehr zu vermeiden, schlägt sie vor, die Verteilung von Kerosin zwischen den EU-Ländern besser zu koordinieren. Dazu soll eine neue Beobachtungsstelle für Kraftstoffe eingerichtet werden, um die EU-Produktion, Importe, Exporte und Lagerbestände an Kraftstoffen für den Verkehr zu verfolgen.

Energiekommissar Dan Jørgensen sprach Klartext: "Uns stehen sehr schwierige Monate, vielleicht sogar Jahre bevor." Selbst im Falle eines schnellen Friedens im Nahen Osten werde es dauern, die dortige Energieinfrastruktur wiederaufzubauen. Seit Beginn der Eskalation habe die EU zusätzliche 24 Milliarden Euro für Energieimporte ausgegeben, sagte der Sozialdemokrat.

Die Lagerbestände auf einen Blick

🏭Die Lagerbestände in wichtigen europäischen Importhäfen wie Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen gehen stark zurück und belaufen sich aktuell auf etwa die Hälfte des Bestands von Ende 2025

🏢Deutschland hat zuletzt Reserven für 20 bis 30 Tage gelagert und hält eine strategische Reserve von 1,1 Millionen Tonnen Kerosin. 



Michael Kellner sprach von einem Erpressungsversuch. "Russland versucht mal wieder, Deutschland zu erpressen", sagte er. Lieferungen über den polnischen Hafen Danzig gelten jedoch als politisch heikel. Das Land hatte in der Vergangenheit Vorbehalte geäußert, da der russische Staatskonzern Rosneft trotz der seit dem Jahr 2022 bestehenden Treuhandverwaltung in Deutschland weiter die Mehrheit an der PCK-Raffinerie hält.

Die Anlage in Schwedt ist eine der größten in Deutschland und versorgt den gesamten deutschen Nordosten sowie den Großraum Berlin-Brandenburg. Ohne Kerosin von PCK-Schwedt würden die Flugzeuge am Berliner Großflughafen BER am Boden bleiben. 

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