Teure Energie : Hohe Sprit- und Gaspreise bedrohen deutsche Konjunktur
Ökonomen erwarten infolge des Irankriegs und steigender Öl- und Gaspreise einen Konjunkturdämpfer. Die Wirtschaftsweise Schnitzer rät, Erneuerbare weiter zu fördern.
Das Leben ist in der vergangenen Woche teurer geworden. Der Spritpreis stieg teils auf deutlich über zwei Euro. Die Sperrung der Straße von Hormus, einer wichtigen Meerenge am Persischen Golf, durch das Mullah-Regime im Iran sorgt für globale Knappheiten. "Durch diese Meerenge wird rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Rohöls transportiert, sie ist damit einer der zentralen Engpässe des globalen Energiesystems", erklärt Monika Schnitzer, Vorsitzende der Wirtschaftsweisen und Professorin für Ökonomie an der LMU München.
Doch nicht nur Öl und Sprit wurden teurer. "Parallel dazu haben sich die Gaspreise - insbesondere für Flüssiggas - stark verteuert, nachdem wichtige Förderländer die Produktion reduziert oder Lieferketten unterbrochen haben", berichtet Schnitzer.
Alles teuer: In Bonn-Bad Godesberg übersprang der Preis für Super-Benzin am Mittwoch die Marke von zwei Euro pro Liter.
Ökonomen wie Schnitzer warnen vor den Folgen, sollte der Konflikt länger dauern. "Steigende Öl- und Gaspreise sowie die Unsicherheit in der Region können das Wirtschaftswachstum spürbar dämpfen", mahnt Schnitzer.
Dekabank erwartet bei längerem Konflikt 0,5 Prozent weniger Wachstum
Besonders die exportorientierte und energieintensive Industrie träfen lang anhaltende hohe Preise für Öl und Gas, etwa die Stahl- oder Chemieindustrie. Private Haushalte könnten ihre Konsumausgaben reduzieren, aus Sorge vor der nächsten Heizölrechnung oder den Kosten an der Tankstelle, zulasten der Konjunktur. "Wie stark die negativen Auswirkungen auf das Wachstum sein werden, hängt entscheidend von Dauer und Intensität des Konflikts ab - je länger er anhält, desto größer der wirtschaftliche Schaden", sagt Schnitzer.
Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, prognostiziert einen Rückgang des Wirtschaftswachstums von 0,5 Prozentpunkten, wenn der Konflikt drei bis sechs Monate dauert. "Damit fällt die europäische Konjunktur nicht gleich in eine Rezession, aber insbesondere für die sich gerade entwickelnde deutsche Aufschwungsgeschichte für dieses Jahr ist dies ein Dämpfer", erklärt der Ökonom.
„Der Konflikt zeigt, dass fossile Energien nicht nur Klimakosten verursachen, sondern ein erhebliches geopolitisches Risiko mit sich bringen.“
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Bliebe die Straße von Hormus aber einige Monate gesperrt, würde der Ölpreis mindestens auf 100 Dollar je Fass steigen." Vor Ausbruch des Krieges lag er noch unter 70 Dollar. "Auch der Gaspreis würde massiv steigen", ergänzt Krämer. Den Wachstumsrückgang beziffert er in diesem Szenario auf 0,4 Prozentpunkte. "Bei einem langjährig zu erwartenden Wachstum von knapp einem Prozent wäre das eine Menge. Die deutsche Wirtschaft wäre empfindlich getroffen", sagt der Ökonom.
Weniger Wachstum vergrößert das Loch im Bundeshaushalt
Dabei hätte ein Konjunktureinbruch auch politische Konsequenzen, auf die Monika Schnitzer hinweist: "Wenn dauerhaft hohe Öl- und Gaspreise das Wachstum bremsen, sinken die Steuereinnahmen und zugleich steigen die Belastungen über die Sozialversicherungssysteme, etwa falls Unternehmen Beschäftigte entlassen müssen und dann Beiträge fehlen." Die Wirtschaftsweise warnt: "Das kann die ohnehin angespannte Haushaltslage zusätzlich verschärfen." Zur Erinnerung: Bereits im Herbst 2025 zeichnete sich für den Bundeshaushalt 2027 ein Loch von 30 Milliarden Euro ab.
Immerhin, eine Ölkrise droht nicht. Friedrich Heinemann, Ökonom am Forschungsinstitut ZEW, spricht von einem "eher moderaten Kostenanstieg". Allerdings: "Deutlich stärker haben die Preise für LNG-Gas reagiert."
Neue Welt am Gasmarkt
LNG- oder Flüssiggas wird über Schiffe an spezielle Terminals geliefert, von wo aus es verteilt wird. Zwar kommt LNG-Gas aus dem Golf-Staat Katar in Europa auf einen Anteil von nur sechs Prozent (Stand drittes Quartal 2025). Der Großteil des Katar-Gases wird nach Asien verschifft, wie André Wolf, Ökonom beim Think Tank cep, erklärt. “Aber trotzdem hat die Situation am Golf einen Effekt auf die Gaspreise in Europa.”
Die Energie-Taskforce der Bundesregierung
⚡️Die Fraktionen von CDU/CSU und SPD haben eine Energie-Taskforce eingerichtet.
🤝 Die beiden Fraktionsvizes für Wirtschaft und Energie, Sepp Müller (CDU) und Armand Zorn (SPD), leiten die Arbeitsgruppe.
📊 Die Taskforce soll im engen Austausch mit der Regierung die Entwicklung analysieren und Handlungsmöglichkeiten prüfen.
Diesen Effekt kann Jacopo Pepe von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) erklären: "Die großen Gasmärkte Nordamerika, Europa und Asien sind heute durch den Bedeutungsgewinn von LNG-Gas im Vergleich zu Pipelinegas in den vergangenen Jahren stark verzahnt: Wird das Gas an einer Stelle knapper, reagieren die Preise weltweit." Tatsächlich haben sich an der Börse in Amsterdam die Terminkontrakte, mit denen der Preis für die Lieferung von LNG-Gas in einem Monat gehandelt wird, innerhalb von nur zwei Tagen auf 65,79 Euro je Megawattstunde (MWh) verdoppelt. "Manche Experten halten 100 Euro für denkbar", sagt cep-Experte Wolf. "Der Bedeutungsgewinn von LNG-Gas führte dazu, dass langfristige Lieferverträge mit fixen Preisen weniger bedeutend und flexible Börsenpreise für Gas insgesamt wichtiger geworden sind", erklärt Wolf.
Dabei könnten die Preise hoch bleiben, selbst wenn es gelingen sollte, rasch wieder für eine freie Schifffahrt in der Straße von Hormus zu sorgen. "Wir wissen nicht, wie groß die Schäden an den Förderstätten und den LNG-Hafen-Terminals in Katar sind, und ob dort die Produktion rasch wieder aufgenommen werden kann", sagt SWP-Experte Pepe. "Eigentlich bestand die Hoffnung, dass Katar in den kommenden sechs bis zwölf Monaten zusätzliche LNG-Mengen auf den Weltmarkt bringen könnte. Dadurch hätte sich das globale Angebot etwas entspannen können, was auch die Befüllung der deutschen Gasspeicher bis zum Herbst zu moderateren Kosten erleichtert hätte", sagt Pepe. Nun könne es aber gut sein, dass die Konkurrenz um amerikanisches LNG-Gas zwischen Europa und Asien wachse, und das würde die Preise steigen lassen.
Wirtschaftsweise Schnitzer für Förderung erneuerbarer Energien
Dabei träfen nachhaltig höhere Gaspreise auf Sicht von einigen Monaten nicht nur das Portemonnaie von Gas-, sondern auch von Stromkunden. Darauf weist ZEW-Ökonom Heinemann hin. Denn es sind Gaskraftwerke, die den Spitzenbedarf beim Strom decken, wenn erneuerbare Energien witterungsbedingt wenig Sonnen- oder Windstrom liefern. "Der Konflikt zeigt, dass fossile Energien nicht nur Klimakosten verursachen, sondern auch ein erhebliches geopolitisches Risiko mit sich bringen", erklärt die Wirtschaftsweise Schnitzer. Das spreche langfristig dafür, schneller unabhängiger von fossilen Importen zu werden, wenngleich Gaskraftwerke kurz- und mittelfristig für die Versorgungssicherheit nötig seien. Schnitzer weiter: "Gaskraftwerke als flexible Brückentechnologie ja - aber bei gleichzeitigem, konsequentem Ausbau erneuerbarer Energien und klimafreundlicher Alternativen. Eine Reduzierung der Förderung erneuerbarer Energien wäre in dieser Lage energie- und sicherheitspolitisch das falsche Signal."
Aus Sicht von ZEW-Forscher Heinemann kann der weitere Ausbau der erneuerbaren Energien in Kombination mit einem intelligenteren und flexibleren Stromnetz zwar helfen, die Abhängigkeit von fossilen Importen zu verringern. Aber es nütze dem Klima wenig, wenn an Sommertagen mit Solarstrom-Überschuss und negativen Strompreisen "das Angebot noch weiter hoch subventioniert" werde. "Hier kann die Reduktion der Förderung zum Beispiel durch die Beseitigung fester Einspeisevergütungen vernünftig sein", findet Heinemann.
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