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Die Neue Rechte : Traum von der Rückkehr zu einer völkisch "reinen" Alltagskultur

Die Journalistin Ruth Hoffmann beschreibt, wie Rechtspopulisten die deutsche Geschichte und gesellschaftliche Werte umdeuten und in ihrem Sinne vereinnahmen.

24.04.2026
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3 Min

Bücher "gegen rechts" gibt es inzwischen in Regalbreite, die Inhalte wiederholen sich, interessant sind nur noch spezielle Aspekte. Die Historikerin und Journalistin Ruth Hoffmann wählt einen ungewöhnlichen Zugang zum Thema. Sie stellt in ihrer Analyse fünf Begriffe in den Mittelpunkt: Nation, Freiheit, Familie, Demokratie und Widerstand. Diese Schlagworte, so die Autorin, werden von Aktivisten im Umfeld der AfD systematisch umdefiniert. Sie dienen ihnen "als Vehikel für ihre rassistischen, sexistischen und ausgrenzenden Botschaften".

Die neue Interpretation von positiv besetzten Werten ist schon lange ein zentrales Element rechter Strategien. Es ist kein Zufall, dass das wichtigste Printmedium des rechtspopulistischen Milieus "Junge Freiheit" heißt. Neonazi-Gruppen nennen sich "Freie Kameradschaften" oder "Freie Nationalisten". AfD-Politiker inszenieren sich als Verteidiger der Demokratie, als mutige Protagonisten eines angeblichen "Volkswillens".


Ruth Hoffmann:
Raubzug von rechts.
Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht.
Goldmann,
München 2026;
286 S., 22,00 €


Ruth Hoffmann beschreibt dies am Beispiel der Erinnerung an den Aufstand in der DDR von 1953. Nach dem 17. Juni wurde er in Westdeutschland sofort zum gesetzlichen Feiertag erklärt, nach der Wende aber durch den 3. Oktober ersetzt. Die AfD moniert, im vereinigten Deutschland würden die damaligen Ereignisse zu wenig beachtet. Deshalb organisiert sie eigene Gedenkveranstaltungen - und wirft anderen Parteien vor, das Datum zu vernachlässigen.

Unliebsame historische Ereignisse werden von der Neuen Rechten ausgespart

Nicht nur in diesem Fall bediene sich die Neue Rechte "unverfroren" der Demokratiegeschichte, lautet Hoffmanns wichtigste These. So missbrauche sie auf Stickern, Infoständen oder in Aufmärschen die schwarz-rot-goldene Fahne, das Symbol der gegen die Herrschaft des Adels gerichteten Bürgerbewegung von 1848. Ihrem Fraktionssaal im Bundestag gab die AfD den Namen der Frankfurter "Paulskirche", die Wände schmückt ein Bilderzyklus, der von den Befreiungskriegen bis zur deutschen Vereinigung 1990 reicht.

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Unliebsame historische Geschehnisse bleiben dabei ausgespart. Rechte Populisten, so Hoffmann, "kapern" den Widerstand gegen den Nationalsozialismus - vor allem die Gruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die das Attentat gegen Hitler 1944 organisierte - ebenso wie die friedliche Wende im Osten Deutschlands für ihre Zwecke. Umgekehrt sei auffällig, welch geringe Rolle der Sturz der Monarchie 1919 oder die Etablierung des Grundgesetzes der Bundesrepublik in dieser einseitig definierten Erinnerungskultur spiele - "obwohl die Partei für sich stets Demokratietreue reklamiert und alle anderen des Gegenteils bezichtigt".

AfD lehnt Begriff "Tag der Befreiung" für den 8. Mai kategorisch ab

Den 8. Mai 1945, das Ende des Zweiten Weltkriegs, als Tag der Befreiung zu bezeichnen, wie es Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) in seiner wegweisenden Rede vor dem Bundestag 40 Jahre später tat, lehnt die AfD kategorisch ab. Die Verbrechen der NS-Zeit, vom damaligen AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland einst als "Vogelschiss" verharmlost, werden weitgehend beschwiegen. Viel lieber orientieren sich Rechtspopulisten an kaiserlichen Herrschern einer angeblich glorreichen deutschen Vergangenheit, richten ihren Blick ins Mittelalter oder in die frühe Neuzeit. Sie träumen von der Rückkehr zu einer völkisch "reinen" Alltagskultur ohne lästige Migration, geprägt von "Grimms Märchen, Wurst und Winnetou", wie die Autorin in einer Überschrift ironisch titelt.

Der von ihr beschriebene "Raubzug unserer Werte", so formuliert Hoffmann etwas reißerisch, betreffe "uns alle - egal ob wir links oder konservativ sind". Sie hält es für eine gemeinsame Aufgabe, "entschieden Widerspruch gegen die Vereinnahmungen zu erheben".

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