Donata Vogtschmidt : Sie bringt den "Druck der Straße" ins Parlament – und Glitzerpunkpop
Für ihre Band hat Donata Vogtschmidt seit ihrem Einzug in den Bundestag weniger Zeit. Im Parlament sucht die Digitalpolitikerin der Linken noch nach Vorbildern.
Wenn sich Donata Vogtschmidt in der Erfurter Fußgängerzone den Passanten als "Ihre Bundestagsabgeordnete" vorstellt, löst das kaum noch überraschte Reaktionen aus. Trotz ihres jugendlichen und - wie sie selbst sagt - "alternativen Aussehens" ist sie in Thüringen längst eine bekannte politische Figur. Drei Jahre saß sie vor ihrem Einzug in den Bundestag im Landtag, als Sprecherin ihrer Fraktion für Katastrophenschutz machte sie sich bei den lokalen Feuerwehren des Freistaats einen Namen. "Was will die von den Linken denn hier?", diese Frage habe irgendwann niemand mehr gestellt.
Donata Vogtschmidt sitzt seit 2025 im Deutschen Bundestag und ist seitdem Mitglied im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung sowie im Verteidigungsausschuss.
Vor einem Jahr gelang der studierten Staatswissenschaftlerin der Sprung von Erfurt nach Berlin. Im Bundestag liegt ihr Schwerpunkt auf Digitalpolitik. Sie ist Obfrau der Linken im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung und trat dort die Nachfolge der bundesweit bekannten Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg an, die bei der vergangenen Bundestagswahl nicht erneut kandidierte. Einen fachkundigen Referenten aus dem Stab ihrer Vorgängerin übernahm Vogtschmidt gleich mit. Außerdem arbeitet sie im Verteidigungsausschuss, wo sie sich vor allem mit Cybersicherheit und hybriden Bedrohungen beschäftigt, sowie in der Enquete-Kommission zu den Folgen der Corona-Pandemie.
Herausfordernder Spagat zwischen Mandat und Familie
Die Arbeitsbelastung in Sitzungswochen sei beträchtlich, sagt sie, "komplett anders als im Erfurter Landtag". So sehr sie die quirlige Hauptstadt liebt - "die Musikszene!" -, so selten kommt sie inzwischen dazu, hier einfach mit Freunden auszugehen oder ein Konzert zu besuchen. Nur mit ihrem "wunderbaren Team" und einem "guten Betreuungsumfeld" gelingt es der teilweise alleinerziehenden Mutter, Mandat und Familienleben zwischen Berlin und Erfurt miteinander zu vereinbaren.
„Wir müssen den Druck der Straße ins Parlament tragen.“
Der "perfekte Ausgleich" für Vogtschmidt ist die Musik. Die am 24. Februar 1998 im rheinischen Koblenz geborene Politikerin ist Frontfrau der Band "Donata". Gemeinsam mit drei Freunden macht sie "New Glitzerpunkpop", eine Mischung aus Neuer Deutscher Welle, Rap und Techno, Musik und Texte stammen von ihr selbst. Lieder der Band finden sich auf Streamingplattformen; mit ihrem Thüringer Parteifreund Bodo Ramelow nahmen Vogtschmidt und Band eine Cover-Version des Trio-Hits "Da Da Da" auf. Zum gemeinsamen Üben kommt das Quartett allerdings inzwischen nur noch selten.
Vogtschmidt findet keine Vorbilder im Bundestag
Im Bundestag sucht Donata Vogtschmidt noch nach "Vorbildern für meine Rolle - aber die gibt es nicht". Auch darin, findet sie, spiegle sich ein strukturelles Problem: Das Parlament sei "kein Abbild der Gesellschaft". Politik werde immer noch "männlich dominiert". Daran müssten progressive Politikerinnen wie sie hart arbeiten. Vogtschmidt wirkt dabei wild entschlossen, das traditionelle Rollenbild im Bundestag aufzubrechen - gemeinsam mit Gleichgesinnten, vor allem aus den ebenfalls oppositionellen Reihen der Grünen.
Ihr Ziel ist es, "der Regierung von links auf die Finger zu gucken". Das sei aber nicht ganz so einfach. Im Digitalausschuss des Bundestages werden ihre Fragen aus ihrer Sicht nicht immer zufriedenstellend beantwortet. Das liege weniger an der fehlenden Präsenz des zuständigen Bundesministers Karsten Wildberger (CDU), der häufig von Staatssekretären vertreten werde, um selbst "lieber auf schillernden Veranstaltungen Keynotes zu halten", wie die Linke anmerkt. Die Auskünfte der Behörden seien vielmehr oft "stark eingeschränkt", sagt Vogtschmidt, nicht selten erfahre man "aus den Medien mehr als aus den Antworten der Bundesregierung". Einsicht in Akten werde bisweilen verweigert, zum Teil "aus Angst davor, dass die AfD staatswohlgefährdende Informationen ans Ausland weitergibt".
Abgeordnete sieht außerparlamentarischen Druck als politische Ressource
"Wirkliche Kontrolle ist so nicht gegeben", lautet ihr Fazit. Macht- oder einflusslos fühlt sich die Abgeordnete dennoch nicht. Zusammen mit der Zivilgesellschaft könne die Linke Wirkung entfalten. Gerade in der Verbindung von parlamentarischer Arbeit und außerparlamentarischem Druck sieht sie eine zentrale politische Ressource. Beim Thema Chatkontrolle etwa kamen binnen kurzer Zeit 220.000 Unterschriften für eine Petition zusammen, die der Exekutive Beine gemacht habe. Daraus hat Donata Vogtschmidt gelernt: "Wir müssen den Druck der Straße ins Parlament tragen", sagt Vogtschmidt. Dort könnten parlamentarische und außerparlamentarische Opposition einander verstärken.
Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließt die Linke für sich und ihre Fraktion kategorisch aus. Das sei eine inhaltliche Entscheidung, aber auch eine Reaktion auf das Verhalten der AfD im Plenarsaal. Wenn sie selbst am Rednerpult stehe, erlebe sie die Zwischenrufe von rechts außen häufig als "unsachlich". Dann wünsche sie sich "mehr Schutz durch das Präsidium". Überhaupt habe sie den Eindruck gewonnen, dass bei den Zwischenrufen "manchmal zweierlei Maß gilt, da werden wir Linke strenger behandelt als die AfD".
Mehr Abgeordnetenporträts lesen
Mit Tarek Al-Wazir sitzt seit einem Jahr ein erfahrener Landespolitiker im Bundestag. Die Rolle in der Opposition ist für den Grünen aus Hessen keineswegs "Mist".
Erste Legislatur und gleich an der Spitze: Die CSU-Abgeordnete aus Unterfranken über Papierberge, Unterschiede zur Kommunalpolitik und wachsenden politischen Druck.
Der CDU-Politiker aus Wolfsburg will helfen, die Automobilbranche zukunftsfest zu machen. Im Bundestag hat der Ingenieur weniger Ellenbogen vorgefunden als erwartet.