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Sergej Minich : Frisch gewählt und direkt in den "Königsausschuss"

Der Bremer AfD-Abgeordnete Sergej Minich fremdelt mit der Bürokratie im Bundestag. Kaum im Parlament, musste er im Haushaltsausschuss gleich zwei Etats beraten.

19.02.2026
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4 Min

Sergej Minich hat eine für das Deutschland des 21. Jahrhunderts gar nicht so untypische Biografie. Als sich seine Eltern nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entschieden, aus Kirgistan gen Westen aufzubrechen, erfüllten sich die beiden Russlanddeutschen einen Traum: "Wir wollen zurück in die Heimat." Ihr kleiner Sohn landete mit ihnen in Bremen, wohin bereits Sergejs Oma und Tante ausgereist waren, und so fühlt er sich seither denn auch: "Ich bin de facto Ur-Bremer", sagte der heute 38-jährige AfD-Politiker vor der Bundestagswahl im Januar 2025 in einem TV-Gespräch mit einem Reporter von Radio Bremen.

Foto: picture alliance / photothek.de

Sergej Minich sitzt seit 2025 für die AfD im Bundestag und ist Mitglied im Haushaltsausschuss sowie stellvertretendes Mitglied im Forschungsausschuss.

Seinen Start im Parlament an der Spree hat erleichtert, dass er sein Team ("alles meine Leute aus Bremen, prima Jungs") komplett mitbringen konnte. Außerdem ließ sich Sergej Minich von bereits erfahrenen AfD-Abgeordneten ausführlich briefen, was da in Berlin auf ihn zukommen werde. Dennoch gab es auch ein paar Überraschungen: "Diese unheimliche Bürokratie: Für jeden Bleistift muss man ein Formular ausfüllen." Das kannte der studierte Maschinenbauer aus seinem vorherigen Berufsleben nicht - da war "lean management" gefragt, also eine flache Hierarchie mit klaren Zuständigkeiten und nicht viel "Antragswesen".

Der "Welpenschutz" hielt nur eine Rede lang

Verwundert war Minich zudem, dass er bei seiner ersten Rede im Plenum "Welpenschutz" genoss - wie alle anderen Bundestagsneulinge auch: "Das wusste ich vorher gar nicht. Aber schon bei der zweiten Rede wurde reingebrüllt, das hat mich ein bisschen überrascht." Inzwischen hat der AfD-Mann über ein Dutzend Mal am Rednerpult unter der Reichstagskuppel gestanden und gelernt, dass "die Atmosphäre im Bundestag rauer geworden" ist, nach seinem Eindruck besonders im Umgang mit seiner Fraktion: “Man versucht trickreicher und raffinierter als bisher, die AfD auszuschalten.”


„Anträge kriegt die AfD nicht durch, die werden pauschal abgelehnt.“
Sergej Minich (AfD)

Doch räumt Sergej Minich unumwunden ein, dass es einen Unterschied macht, ob das parlamentarische Geschehen unter den Augen der Öffentlichkeit und im Scheinwerferlicht der TV-Kameras stattfindet oder "hinter verschlossenen Türen". Dann nämlich, im vertraulichen Miteinander von Fachpolitikern oder bei Ausschusssitzungen, gebe es "teilweise keine 'Brandmauer' mehr, sogar Smalltalk ist möglich". Persönlich findet der Bremer ohnehin, dass die "Brandmauer" nicht der AfD schade, "sondern der Union und der Demokratie". Zum Beispiel wegen der anhaltenden Weigerung der anderen Parteien, der AfD einen Vizepräsidenten-Posten zuzugestehen.

Respekt vor dem Haushaltsausschuss

Dass er als MdB-Novize ausgerechnet im Haushaltsausschuss gelandet ist, war erst einmal für Minich gar nicht so ungewöhnlich, schließlich hat er es als Ingenieur "gelernt, mit Zahlen und Strukturen zu arbeiten". Dann aber stellte er fest, dass sein Ausschuss als "Königsausschuss" des Hohen Hauses gilt: "Das hatte ich nicht auf dem Schirm." Entsprechend verantwortungsvoll sieht er nun sein Mandat als "Privileg, da sollte man jeden Tag 110 Prozent geben". Schon sein erstes Abgeordnetenjahr war "ein Sprung ins kalte Wasser", schließlich mussten die Haushälter gleich zwei Etats beraten - das Budget für 2025 und bald darauf den Haushalt 2026.

Sergej Minich ist als Berichterstatter seiner Fraktion für die Einzeletats der Bundesministerien für Digitalisierung und Staatsmodernisierung sowie für Forschung, Technologie und Raumfahrt zuständig, ein üppiges Programm für einen Parlamentarier, der gerade mal seit zwölf Monaten dabei ist. Die Möglichkeiten und Grenzen der Opposition im Machtgefüge der Demokratie sind ihm bewusst: "Anträge kriegt die AfD nicht durch, die werden pauschal abgelehnt." Linke und Grüne, die beiden anderen Oppositionsfraktionen, stünden der Regierung "näher als wir", glaubt Minich.

Der Bremer setzt auf Infostände in der Hansestadt

Auch wenn er deshalb denkt, dass "die AfD die einzige Oppositionsfraktion im Haushaltsausschuss" sei, hält er seine Arbeit dennoch für effektiv: "Wir kontrollieren die Regierung, ja. Wir schauen Union und SPD auf die Finger." Das berichtet Minich regelmäßig seiner Bremer Wählerschaft, der er in sitzungsfreien Wochen an den Infoständen in seiner Heimatstadt Rede und Antwort steht. Das macht die AfD nach seiner Beobachtung so intensiv wie kein Wettbewerber sonst. Dagegen fehlt ihm in Berlin, wo er ein Hotelzimmer bewohnt, die Zeit für Hobbys oder "Spaßveranstaltungen mit immer denselben Leuten". Grundsätzlich sieht er die Vielzahl solcher Angebote etwa in den Landesvertretungen an der Spree "kritisch".

Sergej Minich hat mit seiner Arbeit im Bundestag und daheim im Wahlkreis genug zu tun. 70 Prozent, so schätzt er, entfallen auf Berlin, 30 Prozent auf Bremen und Bremerhaven. Als Familienvater sieht er seine Abwesenheit von zu Hause als nicht ungewöhnlich, wie "auf Montage", das hat es auch schon in seinem früheren Berufsleben gegeben. Wichtig ist für ihn, den Kontakt zu seinen Wählern stets im Auge zu behalten, die Interessen der Arbeitnehmer und "kleinen Leute" in der Politik zu vertreten. Und damit jedenfalls für sich selbst den Beweis zu erbringen, dass Integration in Deutschland funktionieren kann. "Ich bin ein Teil der Gesellschaft", so hat es Sergej Minich mit hörbarem Stolz vor seiner Wahl in den Bundestag vor einem Jahr bei Radio Bremen gesagt.

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